Im Gespräch

„Wer da nicht unten war, kann eigentlich nicht mitreden“

Herbst 2015: Als Reaktion auf den Zustrom Zehntausender Flüchtlinge führt Deutschland vorübergehend wieder Grenzkontrollen ein. Im Oktober spitzt sich die Lage an den Grenzübergängen im Raum Passau dramatisch zu: bis zu 8.000 Flüchtlinge kommen dort am Tag an. Polizeioberrat Thomas Lang, 54, Leiter der Bundespolizeiinspektion Passau, hat die Planungen für die Einführung der Grenzkontrollen im September von Anfang an begleitet und war vor Ort, als die Flüchtlingssituation in Passau eskalierte.

 

„Ich sage immer: Wer da nicht unten war, der kann eigentlich nicht mitreden“, so Lang. Die riesigen Menschenmengen, die extreme Belastungssituation – Erlebnisse, die ihn bis heute prägen: „Wenn in Wegscheid mitten im Wald auf der österreichischen Seite 3.000 Leute stehen, die unbedingt nach Deutschland reinwollen und man versucht, ein geordnetes Verfahren auf irgendeine Art und Weise sicherzustellen, da kann man manchmal schon verzweifeln.“

Zusammenarbeit von Bundes- und Landespolizei

Nicht nur zu Fuß und in Bussen kamen tausende Menschen, auch in den Zügen aus Österreich waren seinerzeit mehrere tausend Migranten. „Ohne die Kollegen der Landespolizei wären wir damals untergegangen“, so Lang. Die intensive und gute Zusammenarbeit von Bundes- und Landespolizei habe entscheidend dazu beigetragen, die Situation an den Grenzen in den Griff zu bekommen.

Organisierte Überführung

Inzwischen gibt es auch eine kontrollierte Busübergabe von Österreich nach Deutschland. Von dort aus werden die Flüchtlinge direkt zur zentralen Grenzkontrollstelle in die Danziger Straße nach Passau gebracht. Im Januar waren es im Schnitt 500 bis 1000 pro Tag. Mit der Verlagerung der Kontrolle weg von der Grenze und der geordneten Überführung der Flüchtlinge sei das organisierte Schleusen deutlich zurückgegangen, so Lang. Die Flüchtlinge hätten keinen Grund mehr, Schleusern viel Geld für die Autobahnfahrt zu zahlen.

Menschlicher und professioneller Umgang miteinander

Rund 600 Bundespolizisten sind derzeit im Raum Passau im Einsatz – die meisten in der zentralen Grenzkontrollstelle. Wie war und ist die Situation bei den Beamten? „Natürlich war die Lage an den Grenzen im Herbst letzten Jahres teilweise sehr belastend“, so Lang. Trotz des Kräfte raubenden Einsatzes war der Umgang der Beamten gegenüber den Flüchtlingen jedoch immer sehr menschlich und professionell: „Das bekommen die Polizisten auch immer wieder zurückgespiegelt“, so Lang.

Vollständige Erstregistrierung

Routiniert und professionell geht es auch bei der Erstregistrierung in der Bundespolizeiliegenschaft in der Danziger Straße in Passau zu. Beamte der Bundespolizei fragen die Flüchtlinge nach ihren Ausweisdokumenten, nehmen Fingerabdrücke und machen Fotos. Dolmetscher helfen bei der Verständigung. Gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das eine Außenstelle direkt an der zentralen Kontrollstelle hat, könnten derzeit alle ankommenden Flüchtlinge kontrolliert und registriert werden, so Lang.

Auch die Bürger helfen mit

Und wenn mehr Flüchtlinge ankommen als erwartet, packen auch die Passauer Bürger mit an. Die Plattform „Passau verbindet“, auf der sich ehrenamtliche Helfer organisieren, hat sich in diesem Zusammenhang zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt bei der Organisation spontaner Hilfe entwickelt. Schon bei der Hochwasserkatastrophe im Jahr 2013 gab es ein solches Projekt – und war sehr erfolgreich. Lang: „Wenn in den Hallen erhöhter Bedarf ist, sind ehrenamtliche Helfer innerhalb von Minuten zur Stelle.“

Ausgesprochen gut war und ist auch die Zusammenarbeit mit den Behörden, der Stadt und den Landkreisen. Hier arbeiten und helfen alle zusammen, „besser geht’s eigentlich nicht“, meint Lang.

Aktuell hat sich – auch witterungsbedingt – die Flüchtlingssituation etwas entspannt. Zudem könnten nach Einschätzung Langs auch die verstärkten Kontrollmaßnahmen in Deutschland und den Anrainerstaaten an der Balkanroute Wirkung zeigen. Gleichwohl werde sich die Migrationslage im Frühjahr wieder verschärfen, schätzt der Bundespolizist. Er hofft, dass es nicht wieder zu 8.000 Flüchtlingen täglich kommen wird.


Bilder: Stephanie Bachmann
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