Interview

Jeder kann lernen, Risiken einzuschätzen

Interview mit dem Psychologen und Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

 

HERZKAMMER
Sicherheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Wie können wir lernen, mit den Risiken des Lebens verantwortungsbewusst umzugehen?

GERD GIGERENZER
Die nachhaltigste Maßnahme wäre, früh zu beginnen und jungen Menschen Risikokompetenz zu vermitteln. Wir lehren Kindern in der Schule die Mathematik der Sicherheit – Algebra, Trigonometrie –, aber nicht die Mathematik der Ungewissheit, also statistisches Denken. Wir lehren Kindern die Biologie der Ameise, nicht aber die Psychologie der Angst. Wir sollten mehr dafür tun, dass junge Menschen lernen, mit Gesundheit, Finanzen und digitalen Medien kompetent umzugehen; also etwa digitale Medien zu kontrollieren, statt sich von ihnen kontrollieren zu lassen. Und wir brauchen Medien, die Verantwortung für Bildung übernehmen, statt auf Einschaltquoten und Verkaufszahlen zu schielen. Donald Trump hat bei den US-Vorwahlen etwa 10 Millionen Dollar in Fernsehwerbung investiert, weniger als viele andere Kandidaten. Aber die TV-Sender haben ihm Zeit im Wert von 1,9 Milliarden Dollar kostenlos zur Verfügung gestellt, weit mehr als für alle anderen republikanischen Kandidaten zusammen – und jede Weisheit, die er von sich gegeben hat, sofort weitergegeben. Wenn Medien Unterhaltungswert über alles stellen, dann tragen sie zur geistigen Verdummung der Bevölkerung bei.


HERZKAMMER
Nach den jüngsten Terroranschlägen ist das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erschüttert: sie buchen Urlaube um, meiden die U-Bahn oder belebte Plätze, gehen nicht mehr gerne auf Konzerte. Reagieren diese Menschen aus psychologischer Sicht richtig?

GERD GIGERENZER
Umfragen belegen, dass bereits 70 Prozent der Deutschen große Angst vor Terrorismus haben. Dabei haben wir in Deutschland bisher das Glück gehabt, vom islamischen Terrorismus weitgehend verschont zu bleiben – anders als in Frankreich, Großbritannien oder Spanien. Tatsächlich ist in Deutschland die Anzahl von Terroranschlägen und -opfern seit den siebziger und achtziger Jahren stark zurückgegangen. Bei uns ist es wahrscheinlicher, durch einen Blitzschlag ums Leben zu kommen als durch Terroristen. Selbst in den USA werden in den meisten Jahren mehr Menschen von Kleinkindern erschossen als von islamischen Terroristen. Dennoch haben wir mehr Angst als die Menschen in den meisten anderen Ländern. Das Ziel des islamischen Terrors sind nicht die unglücklichen Menschen, die in Paris oder Brüssel ums Leben gekommen sind; die eigentliche Absicht besteht darin uns Angst zu machen und dadurch unsere Gesellschaft zu destabilisieren, so dass wir jedem misstrauen, der nicht so aussieht wie wir. Unsere Angst ist ihr Ziel.


HERZKAMMER
Können wir uns an neue Bedrohungsszenarien auch „gewöhnen“?

GERD GIGERENZER
Denken Sie an SARS, Vogelgrippe, Schweinegrippe oder Rinderwahnsinn – wie haben wir uns damals gefürchtet in ein saftiges Steak zu beißen. Wir gewöhnen uns nicht an diese Bedrohungsszenarien – wir vergessen sie einfach. Sobald die Medien nicht mehr darüber berichten, denken wir nicht mehr daran. Und sorgen uns dann um die nächste Gefahr.


HERZKAMMER
Die Wahrscheinlichkeit bei einem Autounfall zu sterben, ist um ein Vielfaches höher als Opfer eines Terroranschlags zu werden. Welche weiteren Beispiele von Wahrscheinlichkeiten gibt es, die uns gar nicht bewusst sind und warum beruhigen solche Statistiken nicht?

GERD GIGERENZER
In Deutschland sterben jedes Jahr über 3.000 Menschen durch Passivrauchen. Kinder sind hier besonders gefährdet und schutzlos. Oder: Geschätzte 19.000 Menschen kommen jedes Jahr in Krankenhäusern durch vermeidbare Fehler ums Leben, da Patientensicherheit bei der zunehmenden Kommerzialisierung unserer medizinischen Versorgung oft nicht das vorrangige Interesse ist. Hier könnte man jedes Jahr viele Leben retten, doch unsere Aufmerksamkeit ist von der Angst vor Terrorismus gefangen. Im US-amerikanischen Wahlkampf wird diese Angst zurzeit sehr wirksam durch Donald Trump geschürt. Daran sind allerdings auch die Medien nicht ganz unschuldig, denn sie tragen dazu bei, die Furcht weiterzuverbreiten.


HERZKAMMER
Welche Prozesse laufen ab, wenn wir Risiken bewerten – und was kann dabei „falsch“ laufen? Was beeinflusst unsere Risikowahrnehmung?

GERD GIGERENZER
Gefahren sind nicht sicher, sondern wahrscheinlich. Entscheidend ist also, wie wahrscheinlich etwas ist. Den Umgang mit Wahrscheinlichkeiten haben aber nur wenige gelernt, so dass man uns leicht eine Mücke als Elefanten verkaufen kann. Ein beliebter Trick ist beispielsweise von relativen Risiken zu berichten – und die absoluten zu verschweigen. Vor einiger Zeit warnte uns etwa die Weltgesundheitsorganisation davor, dass mit jeden 50 Gramm Wurst, die wir täglich verzehren, das Risiko an Darmkrebs zu erkranken um 18 Prozent steigt. Viele Bürger dachten, dass von 100 Personen 18 Darmkrebs bekommen würden und essen deshalb keine Wurst mehr. Aber das stimmt nicht. Tatsächlich steigt das lebenslange Risiko von 5 auf knapp 6 von je 100 Personen, also um knapp eine Person. Das ist das absolute Risiko, damit erregt man nicht die große Aufmerksamkeit. Heißt es aber, das Risiko erhöht sich um 18 Prozent, dann löst das Angst aus. (Von 5 auf 6 macht 20 Prozent mehr, da es nur knapp 6 Personen waren, kam man auf 18 Prozent). Relative Zahlen sind große Zahlen, und sie verängstigen – solange die Bürger den Unterschied nicht verstehen.


HERZKAMMER
Wie können wir lernen, Risiken und Ungewissheiten richtig einzuschätzen? Welche Rolle spielt dabei die Erfahrung?

GERD GIGERENZER
Jeder kann lernen, Risiken einzuschätzen. Besonders anschaulich kann man aus Fehlern in den Medien lernen. Mit Thomas Bauer und Walter Krämer veröffentliche ich regelmäßig die „Unstatistik des Monats“. Dort analysieren wir jeden Monat eine aktuelle irreführende Mediennachricht. Sie können das unter unstatistik.de nachlesen und sich amüsieren.


HERZKAMMER
Wie gehen Sie persönlich mit unsicheren Situationen um? Wenn Ihr Bauchgefühl Angst signalisiert, schaltet sich dann der Risikoforscher Gigerenzer ein und beschwichtigt?

GERD GIGERENZER
Aus meiner Forschung habe ich gelernt, mit Risiken entspannter umzugehen und Entscheidungen schneller zu treffen. Man hat eben nicht alles unter Kontrolle und absolute Sicherheit ist eine Illusion. Ich fürchte mich beispielsweise weniger davor, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen als durch einen Autounfall. Und diese Gefahr steigt derzeit durch immer mehr Autofahrer, die während der Fahrt Nachrichten auf dem Smartphone lesen oder sogar schreiben und dabei anderen ins Auto rasen. Man schätzt, dass in Deutschland mittlerweile etwa 500 Menschen jedes Jahr ihr Leben durch „abgelenkte“ Fahrer verlieren.


HERZKAMMER
Sie sind seit 2015 Gründer und Gesellschafter von „Simply Rational – Das Institut für Entscheidung“. In welchen Situationen sollten wir besser auf unseren Bauch hören und wann den Kopf einschalten?

GERD GIGERENZER
Wenn Sie viel Erfahrung mit einem Problem haben, dann können Sie ruhig Ihrem Bauchgefühl vertrauen, denn Intuition ist unbewusstes Wissen. Dabei ist Intuition besonders wichtig, wenn wir es mit hochgradiger Ungewissheit zu tun haben. Wenn die Risiken dagegen präzise bekannt sind, dann sollten Sie auf statistisches Denken vertrauen. Wenn Sie zum Beispiel ins Casino gehen und sich am Roulette
versuchen, dann können Sie sich ausrechnen, wie viel Sie auf lange Sicht verlieren werden. Hier brauchen Sie keine Intuition. Die Frage ist also nicht Kopf versus Bauch – Sie brauchen meist beides.

 

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist seit 1997 Direktor am Max-Planck- Institut für Bildungsforschung sowie des 2009 gegründeten Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Berlin, und seit 2015 Gründer und Gesellschafter von Simply Rational – Das Institut für Entscheidung. Seine mehrfach ausgezeichneten Sachbücher Das Einmaleins der Skepsis, Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft wurden in 21 Sprachen übersetzt.

 
Mottobild: Frau S-Berg – photocase.de
Foto Gigerenzer: Dietmar Gust