Friedliche Zukunft

Margarethe Michel: „Was Du im Kopf hast, kann man Dir nicht nehmen“

Wie ein riesiges Gemälde wirkt das Wohnzimmerfenster von Margarethe Michels Haus in Pegnitz. Der Blick geht in einen gepflegten großen Garten. Einen Garten habe sie sich immer gewünscht, meint sie, denn in der Natur sei sie immer gerne gewesen. Viel gespart hätten sie und ihr Mann, damit sie sich dort ein Stück Heimat schaffen können. Und von Heimat weiß die 73-jährige viel zu erzählen.

Die ehemalige Gymnasiallehrerin stammt aus Nordböhmen, einer Gegend ungefähr 60 km nördlich von Prag. Als „märchenhaft“, „malerisch“, „abwechslungsreich“ oder „faszinierend“ wird die nordböhmische Landschaft in diversen Reiseführern umschrieben. Zahlreiche Künstler, unter ihnen auch Richard Wagner, bereisten diese Gegend aufgrund ihrer beschaulichen Landschaften und Sehenswürdigkeiten.

Schon im Alter von zwei Jahren, im September 1946, musste sie ihren Geburtsort gemeinsam mit den Großeltern verlassen. Der Zug fuhr Richtung Westen. Ein Waggon nach dem anderen wurde von Bahnhof zu Bahnhof abgekoppelt, und so landete die kleine Familie in einem Dorf nahe Landshut. Mit nichts außer 50 kg Gepäck. „Du hast alles verloren, außer dem, was Du im Kopf hast“, so wurde ihr gesagt. „Was man im Kopf hat, kann man nicht nehmen. Wenn noch einmal so etwas kommt, dann hast du etwas“.

Die Großmutter arbeitete auf dem Feld, der Großvater gab Mathematikunterricht und spielte Orgel in der Kirche. Die kleine Margarethe nahm sich den Rat der Großeltern zu Herzen und lernte. Nicht selten musste sie Missachtung und Ausgrenzung aufgrund ihres nordböhmischen Akzentes ertragen. „Nach der Flucht musste ich deutsch reden. Vorher hatte ich mit vielen Sprachen zu tun. Zuhause sprachen wir deutsch und tschechisch. Zum Teil gab es aber auch Begriffe, zum Beispiel aus dem Ungarischen“, erklärt Margarethe Michel. Doch sie setzte sich durch, machte ihr Abitur und zog zunächst nach Bamberg und schließlich nach Pegnitz.

„Meine Großmutter war mir mit ihrer positiven Neugierde und Wissenslust ein Vorbild. Das hat mir geholfen meinen Weg zu finden“, betont Michel. Und Weltoffenheit habe ihr die Großmutter vermittelt. In diesem Sinne agierte Margarethe Michel als Lehrerin, setzte auf Austausch und Wissensvermittlung. So organisierte sie schon in den 1990er Jahren Schulpartnerschaften zwischen Deutschland und Tschechien, betreute tschechische Lehrer und Gastschüler. „Mein Großvater wollte immer den Ausgleich. Für ihn war Neutralität wichtig. Und auf gar keinen Fall sollte sich irgendein Hass entwickeln. Das war meinen Großeltern sehr wichtig“, betont Margarethe Michel.

Die alte Heimat besuchte sie das erste Mal 1968 mit der Universität. „In bestimmten Bereichen habe ich mich dort sofort wohl gefühlt. Manches kannte ich einfach. Da waren vertraute Ausdrücke, Namen und natürlich das Essen.“ Auch heute fühlt sie sich noch stark mit dieser Gegend verbunden. Gleichzeitig bemerkt sie aber auch, dass das Andenken an die alte Heimat langsam verblasst. Die eigenen Kinder sehen in Nordböhmen fast keine Heimat mehr. International weit verzweigt ist die Familie und neue Generationen setzen neue räumliche Schwerpunkte. Zwei von Margarethe Michels Söhnen sind mit Mexikanerinnen verheiratet. „Aber sicher ist noch Emotion für die alte Heimat da. Ich bin nicht umsonst heute in der Sudetendeutschen Landsmannschaft“, merkt sie an. „Durch den Kreisvorsitz kann ich etwas gestalten. Genau das war mir immer wichtig. Ich habe mir eine neue Heimat gesucht und den Verlust überwunden. Es muss eine friedliche Zukunft für beide Nationen geben, Lösungen müssen gemeinsam gefunden werden. Das geht nur, wenn beide Seiten aufeinander zugehen.“

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