Gastbeitrag

Dahoam is Dahoam?

Für viele Menschen in Bayern heißt es: „Dahoam is Dahoam!" Aber was heißt es eigentlich, eine Heimat zu haben?

In Zeiten der Globalisierung, wachsender Mobilität und Urbanisierung stellt sich diese Frage mehr denn je. Heimat ist für viele ein Symbol der Kontinuität und Ordnung, des Verwurzeltseins, der Sicherheit und der Selbstbestimmung. Sie steht für Zugehörigkeit und Vertrautheit. Besonders offensichtlich wird ihr Stellenwert, wenn sie fehlt; wenn wir uns heimatlos fühlen oder Heimweh haben. Die psychologische Forschung interessiert sich schon länger dafür, wann Menschen sich heimisch fühlen. Im Vordergrund stehen dabei Merkmale der Person, des Ortes und ihre Wechselwirkungen.

Heimat ist ein besonderer Ort

Heimat bezieht sich immer auf einen bestimmten Ort. Die Identifizierung eines Orts als Heimat kann sich dabei auf einen konkreten Platz, aber auch auf Gemeinden, Städte, Länder und sogar Kontinente beziehen. Diese Bezugsebene hängt auch von der Situation ab: Im Ausland nenne ich Deutschland, in Deutschland Bayern und in Bayern Würzburg meine Heimat. Am häufigsten benennen Menschen ihre Nachbarschaften und ihren Wohnort als Heimat. Zu einer Identifikation eines Orts als Heimat tragen umweltbezogene und soziale Faktoren bei, die miteinander in Wechselwirkung stehen. Zur Umwelt zählen zum Beispiel die natürliche Umgebung wie Berge, Seen und Wald, die Dichte und Zusammensetzung der Bebauung, Freizeit- und Erholungsangebote sowie die öffentliche Infrastruktur, etwa Verkehrsmittel und Behörden. Bedeutende soziale Einflussfaktoren sind nachbarschaftliche Beziehungen, gemeinsame soziale Aktivitäten sowie die Wahrnehmung von Sicherheit. Die beiden mit Abstand wichtigsten Faktoren für die Entstehung eines Heimatgefühls sind die Dauer, die man an einem Ort verbringt, und die Qualität der nachbarschaftlichen Beziehungen, die sich gegenseitig beeinflussen. Je länger die Aufenthaltszeit, desto mehr Gelegenheiten gibt es in der Regel für eine soziale Vernetzung und umgekehrt.

Heimat hat eine besondere Bedeutung

Menschen unterscheiden sich in der Wahrnehmung von Orten und sie verbinden unterschiedliche Erlebnisse mit einem Ort. Merkmale der Person sind deshalb für die Entstehung eines Heimatgefühls ebenso wichtig. Dazu zählen persönliche Bindungen wie zum Beispiel Kindheitserlebnisse, bedeutende Entwicklungsschritte und andere persönliche Erlebnisse. Desweiteren können Orte aus historischen, kulturellen und religiösen Gründen eine besondere Bedeutung erhalten. In Abhängigkeit von der subjektiven Bedeutung für eine Person kann ein- und derselbe Ort deshalb sehr unterschiedliche Reaktionen in Menschen auslösen. Die Wechselwirkungen zwischen Person und Ort sind es, die ein Gefühl der Verbindung entstehen lassen. Diese Gefühle können auch ablehnend sein, wenn einem Ort eine negative Bedeutung zugewiesen wird, etwa eine unglückliche Kindheit. Heimat ist für viele auch ein Ort der Selbstgestaltung, in dem die Umgebung nach eigenen Vorstellungen und Wünschen umgestaltet wird. Sie ist deshalb auch ein privater Rückzugsort, in dem Menschen selbstbestimmt eigenen Aktivitäten nachgehen können und sich erholen können.

Heimat als Identifikationspunkt

Heimatverbundenheit spielt eine zentrale Rolle für den sozialen Anschluss, die Identitätsbildung und für Einschätzungen der Sicherheit und Kontrollierbarkeit. Sie stärkt die Identifikation mit der eigenen sozialen Bezugsgruppe. Ein typisch unterfränkisches Beispiel wäre der dort weit verbreitete Weißweinkonsum, der als gelebte kulturelle Praxis Menschen in der Region miteinander verbindet und von anderen Regionen abgrenzt. Auf individueller Ebene geht Heimatverbundenheit mit einer erhöhten Vorhersagbarkeit der Umgebung einher: Eine vertraute Umgebung erleichtert Verhaltensroutinen und die Einschätzung von Risiken. Die Folge ist ein erhöhtes Gefühl der Sicherheit und der wahrgenommenen Kontrolle über die Umwelt. Besonderheiten der Heimat, zum Beispiel bestimmte Angebote und Traditionen, können auch symbolisch in das eigene Selbstkonzept integriert werden. Eine Bedrohung dieser Symbole wird dann als Angriff auf das eigene Selbst wahrgenommen. Generell lässt sich festhalten, dass Heimat einen psychologischen Bezugsrahmen für die Strukturierung der Welt in eine „Heimat“ und „Nicht-Heimat“ bildet und für die Menschen weitreichende Orientierung bietet. Oder um es mit den Worten des Dichters Friedrich von Bodenstedt zu sagen: „Wohl oft fand ich, was Aug‘ und Herz ergötzte, / doch nie, was meine Heimat mir ersetzte.“

Links: Prof. Andreas Eder ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Würzburg. Seine Forschungsthemen sind Motivation, Emotion und Handlung. In den vergangenen Jahren veröffentlichte er dazu zahlreiche Publikationen.

Rechts: Diplom-Psychologe Felix Götz ist Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie II.

 

Foto Maibaum: TomekD76 - iStock-Photo; Foto Eder: Prof. Dr. Andreas Eder (privat); Foto Götz: Felix Götz (privat)
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