Taxifahrt durch München

„Schöner wie hier kann′s mir net gehn“

Als er in den 70er-Jahren nach Deutschland kam, war Frankfurt am Main Isaak Cissés erste Station. Doch dort hielt er es nicht lange aus: „Du red′st jeden Tag von München, haben meine Freunde gesagt, was willst Du da? Aber die haben ja keine Ahnung vom Fußball", erzählt Cissé. „Irgendwann haben sie dann gesagt, jetzt fahr′n wir nach München, damit Du endlich mal a Ruah gibst."

In Cissés großer Familie gibt es viele Fußballer, sein Neffe hat bei Freiburg gespielt, der Vater einer seiner Brüder ist Nationalcoach im Senegal. Hat er auch mit einer Profi-Karriere geliebäugelt? „Na", winkt er ab, „Fußball spielen tu ich bloß im Sommer, wenn die Sonne scheint und wenn′s schee ist." Für die Freizeitliga beim FC Ungerer Bad hat es trotzdem gereicht. Dort hat er in seiner Anfangszeit in München Anschluss gefunden – und vor allem die Sprache gelernt: „Die Sprache ist das A und O, wenn man in einem fremden Land ist." Dass er inzwischen fast perfekt bayerisch spricht, liegt auch daran, dass er viele Jahre mit einer Niederbayerin verheiratet war.

Nach einer Ausbildung zum Filmtechniker bei ARRI macht Cissé seinen Taxischein, zunächst nur, um an den Wochenenden ein paar Fahrten zu machen. Doch schließlich gefällt ihm das Fahren so gut, dass er den Sprung in die Selbstständigkeit wagt. Und bis heute liebt er seinen Job.

Als Taxifahrer kennt er München natürlich wie seine Westentasche. Ob er sich hier auch richtig „dahoam" fühlt in der Landeshauptstadt, fragt Ingrid Heckner. „Ich liebe Bayern mit seinen Bergen und Seen. Und ich liebe München mit seinen Parks und Schlössern. Ich fühle mich hier sehr wohl und habe viele Freunde hier." Was er an Bayern besonders mag, sind die „Leit", die Menschen. „Da schimpf′n und grantel′n sie und im nächsten Moment sind sie wieder ganz freundlich und offen." Cissé fühlt sich in Bayern angekommen und angenommen. Trotzdem überlegt er, im Alter zurück in seine andere Heimat, den Senegal, zu gehen. „In Deutschland gehört man mit 75 zum alten Eisen und sitzt im Altersheim. Das ist im Senegal nicht so. Bei uns daheim leben alle zusammen. Die Kinder und Enkel versorgen die Älteren und der Älteste ist das Oberhaupt." Wie ist es für ihn, wenn er im Senegal ist, will Heckner wissen, bekommt er dann Heimweh nach Bayern? „Wenn ich für einige Tage in den Senegal reise und meine Verwandten und Freunde dort besuche, will ich spätestens nach zwei Wochen wieder nach München", gibt er zu. 41 Jahre an einem Ort prägen einen, und an viele Dinge in Deutschland hat er sich schon gewöhnt – die Sauberkeit, die Pünktlichkeit.

Natürlich hat Isaak Cissé auch Lederhosen und Haferlschuhe zuhause, die werden jetzt zur Wiesn-Zeit wieder ausgepackt. Er war auch Mitglied im Trachtenverein und obwohl er zuhause oft senegalesisch kocht, sind Dampfnudeln seine Leibspeise: „Bei der Auer Dult waren Dampfnudeln jeden Tag mein Frühstück", lacht er. Wen fährt er denn am liebsten durch München? „Ich habe viele nette Stammkunden", so Cissé. „Den Schweinsteiger hab ich gern gefahren, das ist ein ganz bodenständiger Mensch." Stolz zeigt er ein Selfie mit dem ehemaligen Bayern-Profi. „Auch Beckenbauer mag ich, seinen trockenen Humor." Und wie reagieren die Fahrgäste auf ihn? „Viele kennen mich ja aus der Zeitung, die Leute winken mir auch manchmal aus dem Auto zu. Da merkt man, dass mich die Leute mögen, dass ich aufgenommen und akzeptiert bin und das freut mich."

Taxifahrer sind nah dran an den Leuten, während der Fahrten kommt so manches Gespräch zustande. Oft reden die Menschen im Taxi auch über das, was sie gerade am meisten bewegt. Wenn Ingrid Heckner in Deutschland mit dem Taxi unterwegs ist, nutzt sie Taxifahrer auch so manches Mal als Stimmungsbarometer. „Im Taxi wird über ois geredt", stimmt Cissé zu. „Der eine kommt mit Fußball an, der andere politisiert, wieder ein anderer weint sich aus. Man ist auch Seelsorger. Taxifahr′n ist schon ein besonderes Metier. Das wird mir mit Sicherheit mal fehlen, wenn ich nicht mehr Taxler bin." Und wenn er mit Politikern tauschen könnte? Was wäre seine erste Amtshandlung als bayerischer Ministerpräsident? „Da würd ich schauen, dass Bayern noch weiter vorausgeht, dass wir immer die ersten san in der Bundesrepublik Deutschland." Anfangen würde er aber erst mal in München. „Letzthin hab ich dem OB Dieter Reiter gesagt, also bei den nächsten Wahlen darfst dich warm anziehen, da werd ich kandidieren, damit München endlich mal schwarz wird, hab ich eam g′sagt, da hat er g′lacht."

Seine Liebe zu Bayern kam auch übers Lesen. Cissé liebt Literatur über Bayern. Bei Ganghofer oder Thoma gerät er ins Schwärmen, vor allem beim Münchner im Himmel.

Und über Bayern hinaus, hat er sonst noch Lieblingsorte in der Welt? „Meine Verwandten sind überall in Europa verstreut, leben in Spanien, Belgien oder England. Meine beiden Kinder nutzen das gerne mal aus und reisen viel." Er selbst verreist nicht so gern: „Ich bin einfach in München sesshaft. Schöner wie hier kann′s mir net gehn."

Ingrid Heckner und Isaak Cissé mit dem Taxi unterwegs im Münchner Stadtzentrum.

 
Fotos: CSU-Fraktion
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