Interview

Heimat Großstadt

HERZKAMMER
Augsburg boomt, was ist das Erfolgsgeheimnis?

KURT GRIBL
Auf einen kurzen Nenner gebracht: gute Konzepte und verlässliche Partner in der Region und politisch auf allen Ebenen. Das ist die Basis, auf der so herausragende Projekte wie die künftige Universitätsklinik, der Umbau des Hauptbahnhofs, die Theatersanierung oder der bereits abgeschlossene Innenstadtumbau realisiert werden können. Das alles stellt für Augsburg einen erheblichen infrastrukturellen Um- und Aufbruch dar, der die Stadt auf Dauer positiv prägen wird. Hinzu kommt, dass in Augsburg viel gebaut wird.

Augsburg wächst und wird bald eine Stadt mit 300.000 Einwohnern sein. Dass sich viele Menschen hier wohlfühlen, hat mehrere Gründe: Es gibt attraktive Arbeitsplätze, einen gut ausgebauten Nahverkehr und Augsburg ist eine grüne Stadt. Einschlägige Rankings bestätigen uns, dass der Wohlfühlfaktor in Augsburg hoch ist und wir zu den Städten in Deutschland zählen, die mit die höchste Lebensqualität haben.

HERZKAMMER
Arbeitsplätze, bezahlbarer Wohnraum und eine gute Verkehrsinfrastruktur sind wichtige Standortfaktoren, schaffen aber noch lange kein Heimatgefühl. Was braucht es, damit auch in einer Großstadt Heimatgefühl entstehen kann?

KURT GRIBL
Wichtig ist, dass das soziale Leben und der soziale Zusammenhalt funktionieren. Deshalb bin ich froh, dass es in Augsburg ein hohes Maß an bürgerschaftlichem Engagement gibt, von dem viele Lebensbereiche profitieren. Wichtige Anlaufstellen dafür sind das Bündnis für Augsburg und unser Freiwilligenzentrum. Genauso wichtig sind Vereine – allen voran die Sportvereine. Sie ermöglichen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Herkunft und Geschlechter. Das trägt zu einem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe Gleichgesinnter bei und letztlich dann auch zur eigenen Stadt. Auch das miteinander Feiern darf nicht unterschätzt werden. Ich halte Themen-Festivals, wie etwa unser Jugendkulturfestival „Modular" und ein Stadtfest für wichtige identitätsstiftende Elemente. Das ist in der Großstadt nicht anders als im ländlichen Raum.

HERZKAMMER
2013 wurde Augsburg zur nachhaltigsten Großstadt Deutschlands gewählt. In welchen Bereichen war und ist Augsburg besonders nachhaltig?

KURT GRIBL
Augsburg hat ein erhebliches Nachhaltigkeitspotenzial im Bereich Bürgerbeteiligung und Anerkennungskultur. Wir punkten außerdem beim Klima- und Trinkwasserschutz. Ein hoher Anteil geschützter Naturflächen kommt dem Artenschutz und der Lebensqualität zugute. Neue Technologien im Bereich Ressourceneffizienz und die Schaffung von Arbeitsplätzen im Bereich Umwelttechnologie gehören mit dazu.

HERZKAMMER
Und Sie haben noch mehr vor: Unter dem Motto „Augsburg entwickeln" haben Sie 2014 ein Stadtentwicklungskonzept gestartet. Wo soll es in den nächsten Jahren hingehen und wie ist der aktuelle Stand des Projekts?

KURT GRIBL
Im Sommer hat der Stadtrat den Vorentwurf für unser Stadtentwicklungskonzept beschlossen. Es enthält alle Rahmenbedingungen, die für die Stadtentwicklung relevant sind. Auf der Grundlage von Zukunftsleitlinien für Augsburg wurde mit Akteuren aus den Reihen der Bürger, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft zunächst eine Vision für die Stadt formuliert. Danach haben wir Entwicklungsziele abgeleitet. Es sind Denkanstöße und sie bilden eine Diskussionsbasis auf Fragen wie zum Beispiel: Wie und wo wollen wir wohnen und arbeiten? Wie gestalten wir Mobilität? Wie erhalten wir ein gesundes Lebensumfeld und schützen die Umwelt? Wo sind Erholungs- und Freizeiträume in der Stadt? Oder welchen Einfluss haben Digitalisierung oder Klimawandel auf unser Leben?

Konzepte, wie es sie zum Beispiel für die Bereiche Mobilität, Grünflächen, Soziales, Bildung, Kultur und Wirtschaft gibt, müssen aufeinander abgestimmt und entwickelt werden. Nur so vermeiden wir widerstreitende Zielsetzungen. Klassisch wäre zum Beispiel Artenschutz und Erhalt wertvoller Naturflächen contra Wohnungsbau. Wir planen im Südwesten der Stadt einen neuen Stadtteil, in dem später einmal 12.000 Menschen wohnen können. Bevor ein solch langfristiges Projekt angegangen werden kann, müssen Fragen der Stadtplanung und -entwicklung schlüssig beantwortet werden.

HERZKAMMER
Können sich die Augsburger auch mit eigenen Ideen einbringen?

KURT GRIBL
Das war bisher schon möglich, zum Beispiel in Workshops zur Stadtentwicklung, deren Ergebnisse in die Zukunftsleitlinien eingeflossen sind. Wie sich Augsburg in den nächsten drei Jahrzehnten entwickeln soll, dazu erarbeiten wir in den nächsten 18 Monaten gemeinsam mit Bürgern und Fachleuten einen Plan. Ab Mitte Oktober startet eine breit angelegte Bürgerbeteiligung, zu der auch ein vierwöchiger Online-Dialog gehört. Wir möchten die Meinungen und Anregungen der Bevölkerung schon kennenlernen und wenn möglich auch umsetzen.

HERZKAMMER
Der anhaltende Zuzug ist natürlich ein Zeichen für die Attraktivität der Stadt, bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich – Stichwort bezahlbarer Wohnraum. Welche Lösungen haben Sie?

KURT GRIBL
Um den hohen Nachfragedruck nach Wohnraum in Augsburg zu steuern, haben wir die Offensive Wohnraum Augsburg gestartet. Ziel dieses Gesamtkonzepts ist, kurz-, mittel- und langfristig alle Bevölkerungsschichten mit Wohnraum zu versorgen. Wichtig ist uns, neue und vorhandene Wohnpotenziale zu aktivieren. Letzteres ist zum Beispiel durch eine maßvolle Nachverdichtung zu erreichen. Um mögliche Hemmschwellen abzubauen, eröffnen wir im Herbst ein zentral gelegenes Beratungsbüro in der Stadt, in dem Immobilieneigentümer eine Anlaufstelle haben und von Fachleuten eine Einschätzung von Möglichkeiten zur Erschließung von Wohnraum erhalten. Auch vor Ort in den Stadtteilen sind solche Beratungsleistungen von Baufachleuten geplant.

Was Neubautätigkeiten betrifft, so besteht derzeit für rund 30 Hektar im Stadtgebiet Planungsrecht. Das heißt, diese Flächen für 1945 Wohneinheiten und rund 5.800 Menschen können bebaut werden, wenn sie von Grundstückseigentümern verfügbar gemacht werden. Im Zeitraum von weiteren 25 Jahren kann Augsburg noch einmal Wohnpotenziale in der Größenordnung von rund 260 Hektar ausweisen. Darin ist auch der bereits erwähnte neue Stadtteil enthalten. HERZKAMMER

Sie sind nicht nur OB der drittgrößten Stadt Bayerns, sondern vertreten als Chef des Bayerischen Städtetags die Interessen der Städte und größeren Gemeinden in ganz Bayern. Was sind generell die wichtigsten Herausforderungen in den Städten?

KURT GRIBL
Wohnen ist eines der beherrschenden Themen in den Städten. Mir ist aber wichtig, dass man das Thema Wohnen in der Stadt nicht getrennt vom Wohnen auf dem Land betrachtet. Bei der städtischen Wohnungsbau-Politik müssen wir immer den ländlichen Raum mitdenken, sonst wird es ein Gegeneinander. Weitere Themen sind die Integrationsarbeit für Flüchtlinge, Bildung insgesamt und speziell im digitalen Bereich und natürlich das Thema Verkehr. Wobei ich klar sage, dass ich Fahrverbote ablehne. Es muss anderweitig gelingen, die Schadstoffbelastung zu reduzieren. Unsere Busflotte in Augsburg fährt zum Beispiel schon lange mit Biomethan-Erdgas. Auch der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist ein Beitrag für mehr Umweltfreundlichkeit in der Stadt. Ein zu hoher einseitiger Druck auf das Auto führt ins Leere. Entscheidend sind Maß und Vernunft, damit das Ziel – nämlich die Einhaltung der Grenzwerte – erreicht werden kann.

HERZKAMMER
Könnten Sie sich vorstellen, auf dem Land zu leben?

KURT GRIBL
Ich schätze die Nähe zum ländlichen Raum und die Erlebbarkeit der Natur sehr. Wohnen möchte ich aber in der Stadt mit ihren vielfältigen Angeboten, die eine besondere Lebensqualität ausmachen.

HERZKAMMER
Heimat ist für jeden etwas anderes – was ist für Sie persönlich Heimat?

KURT GRIBL
Das Vertrautsein mit Menschen und deren Mentalität, mit Orten, Kultur und Geschichte. Aber auch, wenn ich am Samstagnachmittag bei einem Heimspiel des FCA in der WWK-Arena bin.



Dr. Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg und Präsident des Bayerischen Städtetags


Foto Stadt Augsburg: Ruth Plössel; Foto Kurt Gribl: uveSauer
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