Interview

Heimatwelle

HERZKAMMER
Herr Frühbeis, wann hatten Sie das letzte Mal Heimatgefühle?

STEFAN FRÜHBEIS
Heute früh, gestern, eigentlich jeden Tag. Wenn ich im Spätsommer in der Früh aufstehe und in meinen Garten hinausschaue, wogt davor ein Feld mit Braugerste, die gerade den ersten silbrigen Schimmer bekommt, bevor sie sich dann in Gold verwandelt. Wenn morgens die ersten Sonnenstrahlen über das Feld scheinen oder die Sonne am Abend am Waldrand untergeht, dann bekomme ich Heimatgefühle.

HERZKAMMER
Erlebt der Heimatbegriff gerade ein Comeback?

STEFAN FRÜHBEIS
Ja, und ich glaube, daran ist das Smartphone schuld. Diese unfassbare Fülle von Informationen, die einem auf diesen 20 Quadratzentimetern zur Verfügung steht. Je einfacher es ist, Produkte, Meinungen und Bilder aus der ganzen Welt herbeizuschaffen, desto mehr sehnen wir uns nach etwas Verwurzeltem. Nach etwas, wo man weiß: Da bin i dahoam. Dieses globale Pendel, das sehr stark in eine Richtung ausschlägt, schlägt auch wieder zurück. Je mehr Leute sich in der virtuellen Welt herumtreiben, desto mehr brauchen sie mal wieder den Geruch vom Apfelstrudel von der Oma, ein Wirtshaus oder eine Halbe Bier.

HERZKAMMER
Was ist für Sie persönlich Heimat?

STEFAN FRÜHBEIS
Heimat ist für mich zum einen der Ort, wo ich lebe, der geographische Punkt, selbstverständlich auch meine Familie, aber auch Geruch, Geschmack, Musik, Sprache. Es gäbe noch viel mehr Zutaten für Heimat. Andere sagen: Heimat ist da, wo man mich mag.

HERZKAMMER
Ist Heimat immer an einen bestimmten Ort gebunden?

STEFAN FRÜHBEIS
Es gibt so viele Definitionen von Heimat wie Menschen, die Sie fragen. Wir haben über BR Heimat viel Kontakt mit Menschen, die von Bayern weggegangen sind, entweder aus Arbeits- oder familiären Gründen. Die sind teilweise seit 50 Jahren an einem bestimmten Ort und sehnen sich immer noch nach dem Ort, wo sie herkommen. Es gibt auch den Begriff einer zweiten Heimat, die manche Menschen dort finden, wo sie sich etwas aufgebaut haben. Das kann gelingen, das kann mitunter auch nicht gelingen. Wir haben eine E-Mail einer Niederbayerin bekommen, die seit vier Jahrzehnten in Kalifornien lebt. Sie hat uns geschrieben, wie gut es ihr tut, wenn sie unser Programm hört. Sie hat ihre Heimat nie mitgenommen. Was also den Ort betrifft: Die Bedingungen müssen so sein, dass man etwas zu seiner neuen Heimat machen möchte.

Grundsätzlich verbindet man immer Orte mit bestimmten Ereignissen. Wenn dort, wo man aufgewachsen ist, ein Kirchturm war mit einem Glockenschlag, dann wird es Jahrzehnte später, wenn du dieses Schlagen wieder hörst, in Hirn und Herz einen Schalter umlegen. Ein ganz kleines Detail von Heimat.

HERZKAMMER
Brauchen Menschen eine Heimat? Und wenn ja, warum?

STEFAN FRÜHBEIS
Ich glaube, wenn Menschen wissen, wo ihre Wurzeln sind, können sie viel lockerer damit umgehen, diese Heimat länger oder auch nur vorübergehend zu verlassen. Weil sie wissen, wo sie daheim sind. Wenn man einen Bezugspunkt hat, von dem aus man etwas beurteilt, tut man sich leichter, als wenn man diesen Fixpunkt nicht hat. Heimkommen können tut Geist und Körper gut.

HERZKAMMER
Seit 2015 gibt es BR Heimat. Wer genau ist Ihre Zielgruppe? Wie würden Sie die Bandbreite der Themen des Senders beschreiben?

STEFAN FRÜHBEIS
Wir sind zunächst angetreten, ein Programm für Menschen zu machen, die Volks- und Blasmusik mögen und sich darüber hinaus für Themen aus Bayern interessieren. Wir schränken uns bei den Hörern nicht ein. Mir ist jeder lieb, der das Programm hören mag. Anfangs dachten wir, wir machen das Programm für eine überschaubare Zahl von Volks- und Blasmusikfreunden, die im Alpenraum sitzen. Es hat sich herausgestellt: Ja, die auch, aber noch für ganz viele andere. Das sind Menschen, die eine Liebe zu Bayern haben. Viele haben gesagt: Ihr exportiert das „Gefühl Bayern" in die ganze Welt hinaus.

In BR Heimat geht es um all das, was das facettenreiche Bayern ausmacht: Es geht genauso um den Habichtskauz, der wieder angesiedelt werden soll, wie um die Flüchtlingsproblematik, es geht um Land und Leute. Wir laden zum Beispiel jeden Vormittag einen Menschen zum Ratschen ein, der etwas erlebt hat, mit Leidenschaften, mit Hobbies, mit einem erfüllten Leben in seiner Heimat.

HERZKAMMER
Wie kam es dazu, einen Heimatsender zu gründen?

STEFAN FRÜHBEIS
Es gab damals noch einen verfügbaren Platz im Digitalradio. Meine Aufgabe war, auszuarbeiten, wie so ein Sender für bayerische Belange ausschauen könnte. Wir waren lange nicht sicher, ob man diesen Sender BR Heimat nennen kann. Dann waren wir ein paar Wochen „on air" zu hören und es zeigte sich schnell: Der Zuspruch ist enorm. Plötzlich ist überall dieser Begriff Heimat wieder aufgeploppt, Museumsshops haben sich eingedeckt mit einem beeindruckenden
bayerischen Materialbestand. Junge Leute sprechen heute von Heimat, sind stolz auf ihre Heimat. Das hätte vor 20 Jahren keiner laut zu sagen gewagt. Der Begriff war lange belastet. Damals, als wir mit unserem Programm dazugekommen sind, hat sich gerade ganz viel getan.

HERZKAMMER
Wie kommt der Sender an? Was sagen die Zahlen?

STEFAN FRÜHBEIS
Seit dem Start von BR Heimat hat das Thema Digitalradio richtig an Fahrt aufgenommen. Das ist eine Entwicklung, die uns sehr freut. Wer sich für Musik und Themen aus Bayern interessiert, muss nicht mehr zwischen den verschiedenen BR-Sendern hin- und herschalten, sondern bekommt alles gebündelt bei BR Heimat, rund um die Uhr. Wir haben aktuell eine Reichweite von täglich 270.000 Hörerinnen und Hörern in Bayern, darauf bin ich sehr stolz. Das hätte ich nie gedacht! Volksmusik war immer ein Nischenprodukt. Wir bekommen viel sehr persönliche Post von Menschen, die schrei-
ben, wie gut es ihnen geht, wenn sie BR Heimat hören und wie wohltuend sich unser Programm von anderen Programmen unterscheidet.

HERZKAMMER
Gibt es seit La Brass Banda, Kofelgschroa und Claudia Koreck ein verstärktes Interesse an hand- und mundgemachter Musik? Ist das ein Hinweis auf ein neues Bedürfnis der Menschen nach Heimat?

STEFAN FRÜHBEIS
Es hat sich schon lange bei jungen, gut ausgebildeten Volksmusikanten die Neigung gezeigt, mit traditionellem Material zu spielen. Was sich davon halten wird, ist wieder eine andere Frage, aber dass junge Gruppen zu traditionellen stromfreien Instrumenten zurückkehren, wie es ja zum Beispiel La Brass Banda vorgemacht haben, das fällt schon sehr auf. Menschen merken, dass sie sich weder ihrer Heimat, noch ihres Dialekts, noch ihrer Art zu musizieren schämen müssen. Es gab eine Zeit, da bin ich mit meiner Lederhose im Sender gefragt worden: Ja ist schon wieder Oktoberfest? Diese Zeiten sind vorbei.

HERZKAMMER
Sie selbst spielen ein Blasinstrument, sind gerne in den Bergen unterwegs und schätzen die bayerische Küche. Könnten Sie sich vorstellen, an einem anderen Ort als in Bayern daheim zu sein?

STEFAN FRÜHBEIS
Ja, aber die Frage ist natürlich, ob für immer oder nur eine Zeit lang. Wenn das Wetter hier gruselig wird, hab ich mir schon oft gedacht, ob ich es in Südtirol nicht mindestens genauso schön hätte. Zwischen meiner Heimat und Südtirol ist nicht so viel Unterschied. Mit anderer, aber verwandter Küche, mit anderer, aber verwandter Sprache. Mit Traditionsbewusstsein und viel Volksmusik, aber auch weltoffenen, klugen, liebenswürdigen Menschen. Also wie bei uns dahoam! (lacht)

HERZKAMMER
Was ist das Besondere an Bayern?

STEFAN FRÜHBEIS
Dass es so ist, wie es ist! Wir haben ganz viele Komponenten, auf die wir stolz sein können, für die wir von Herzen dankbar sein können und dafür, dass wir sie haben, sehr demütig sein dürfen. Das können im Moment viel weniger Menschen von dem Ort sagen, der ihre Heimat ist, als mir recht wäre. Dass es bei uns so ist, wie es ist, ist auch das Verdienst von Zeitläufen. Und es ist nicht selbstverständlich.

HERZKAMMER
Ihr Lieblingsort in Bayern?

STEFAN FRÜHBEIS
Den gibt es Gott sei Dank nicht. Weil ich sonst an all den anderen Orten, an denen ich mich aufhalte, denken würde: Ach, wär ich doch an meinem Lieblingsort! Ich bin gern daheim, sehr gerne im Gebirge, aber längst nicht mehr auf den hohen Gipfeln, sondern lieber mit dem Rücken an einer sonnenbeschienenen Almwand lehnend, den Kühen beim Denken zuschauend. Da kann man den Herrgott einen guten Mann sein lassen und ihm sagen, dass er das ist!

 

Stefan Frühbeis ist Chef des Radiosenders BR-Heimat. Der passionierte Musiker wurde in Oberbayern geboren und war beim Bayerischen Rundfunk „jahrzehntelang für Berge zuständig". Daheim ist er südlich von München nahe dem Gleißental. An Bayern schätzt er besonders seine Vielfalt, Lebensart und die kulinarischen Köstlichkeiten.

 

Foto Radio: Vogelpiper - photocase.de: Foto Frühbeis: Stefan Frühbeis (privat)
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