Interview mit Carolina Trautner

Schaffen wir all das noch?

Frage: Allein in der ersten Januarhälfte kamen rund 44.000 Flüchtlinge zu uns. Kann der unbegrenzte Zuzug einfach so weitergehen?

Carolina Trautner: Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Möglichkeiten nicht überfordern. Hier meine ich nicht nur staatliche Kapazitäten, sondern auch die Integrationsmöglichkeiten durch die Ehrenamtlichen und die Bevölkerung vor Ort. Ganz sicher müssen wir erreichen, dass wir die Zugangszahlen begrenzen. Die Debatten der vergangenen Monate haben aber gezeigt, dass es keine schnelle, einfache Lösung geben kann. Dafür ist das Thema schlichtweg zu komplex. Es gilt beispielsweise, die Bedingungen in den Aufnahmeeinrichtungen der Nachbarländer Syriens wieder nachhaltig zu verbessern. Wer meint, eine einfache Antwort auf die vielleicht größte Herausforderung seit Ende des 2. Weltkrieges zu haben, macht sich selbst etwas vor.

Frage: Die Bundeskanzlerin war zu Gast bei der CSU-Fraktion in Kreuth. Sie haben sich ja mit einem offenen Brief, zusammen mit Fraktionskollegen, an die Kanzlerin gewandt. Was versprechen Sie sich davon?

Carolina Trautner: Unsere Intention war es, für Verständnis bei der Bundeskanzlerin zu werben und detailliert die Lage der Kommunen in Bayern aufzuzeigen. Es ist unbestritten, dass der Freistaat den Hauptteil der immensen Aufgabe schultert. Wir müssen erkennen, dass wir an unsere Belastungsgrenze stoßen. Daher müssen die richtigen Weichenstellungen in der Asylpolitik gestellt werden. Mir ist natürlich bewusst, dass nationale Alleingänge das Gesamtproblem nicht lösen können. Wir müssen deshalb den Spagat schaffen, einerseits die bayerische Rolle, die nun mal durch die geographische Lage eine besondere ist, zu würdigen, und gleichzeitig die Kanzlerin für die Verhandlungen auf europäischer und internationaler Ebene zu unterstützen. Europa muss sich nun entscheiden, ob es gemeinsam Probleme dieser Dimension angehen will, oder, was ich nicht hoffe, den alten Fehler macht und in nationalstaatliches Denken zurückfällt. Solidarität darf keine Einbahnstraße sein. Dies gilt übrigens auch für die Verteilung von Flüchtlingen innerhalb Deutschlands, aber natürlich auch innerhalb der kleinsten Ebene – unserem Landkreis.

Frage: In nahezu jeder Gemeinde des Landkreises sind zwischenzeitlich Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht. Wie funktioniert das vor Ort?

Carolina Trautner: Die Herausforderungen sind immens. So muss beispielsweise der Landkreis Augsburg die Zahl der Berufsintegrationsklassen verzehnfachen. Der Schlüssel liegt in der unfassbar großen Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort. Es ist bewundernswert, wie viele Helferkreise innerhalb kürzester Zeit entstanden sind. Ich weiß, dass viele Menschen Ihre komplette Freizeit investieren, weil sie eben nicht wegschauen, sondern anpacken. All dies könnte der Staat nicht leisten. Alleine wenn ich daran denke, auf welch unkomplizierte Weise Ehrenamtliche die deutsche Sprache vermitteln, oder durch vielfältigste Aktionen, wie etwa Kochen mit Asylbewerber, Hemmnisse, Vorurteile und Barrieren zwischen den Kulturen abbauen. Man darf nie vergessen, dass es sich um zum Teil schwer traumatisierte Menschen handelt, die hier ankommen. Diese brauchen einen Ansprechpartner und Vertrauenspersonen. Wenn wir all dies Positive erhalten wollen, müssen wir erkennen, dass wir das nicht für eine unbegrenzte Zahl an Ankommenden schaffen können. Unsere Behörden, Verwaltungen und Bürgermeister vor Ort sind Garant dafür, dass bislang alles noch so gut funktioniert. Um den Flüchtlingen gerecht zu werden, müssen wir eine Begrenzung der Zugangszahlen erreichen.