Interview

Leben im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ) Bayreuth

Sandra Frank engagiert sich als stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende und Vorsitzende im neu gegründeten Wohnheimbeirat des Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) in Bayreuth. Vor allem ist sie Mutter von Felix (15) und Florian (8). Und eine sehr starke Frau. Mit 2 ½ Jahren begann ihr älterer Sohn Felix mehrmals täglich unter schweren epileptischen Anfällen zu leiden. Häufige Krankenhausaufenthalte und die Suche nach den Ursachen folgten. Auch autistische Züge wurden bei Felix festgestellt. Seitdem setzt sich Frau Frank gemeinsam mit ihrem Mann in bemerkenswerter Weise dafür ein ihrem Kind die bestmögliche Betreuung zukommen zu lassen. Mit dem Herzkammer-Team sprach sie über das Leben mit Felix´ Behinderung, über tolle Lehrer und schwere Entscheidungen.

Team Brendel-Fischer: Frau Frank, welche Funktion hat der Elternbeirat im HPZ?

Sandra Frank: Als Elternbeirat sind wir zwar vorrangig für die Dr. Kurt Blaser Schule da, sehen uns aber auch als Bindeglied zwischen Fachdienst, Tagesstätte, Wohnheim und Schule. Außerdem versuchen wir Spenden aufzutreiben. Wir organisieren zu diesem Zweck auch Tombolas und nehmen mit Selbstgemachtem an Weihnachtsmärkten in Mistelbach und Bayreuth teil. Mit diesen Geldern unterstützen wir die einzelnen Einrichtungen. Wenn beispielsweise die Tagesstätte eine neue Puppenecke möchte oder neue Spielgeräte für den Fachdienst angeschafft werden müssen oder die Schule etwas benötigt. Wir sammeln auch Spenden, um Familien zu unterstützen, die sich die Kosten z.B. für die Freizeit oder das Frühstücksgeld nicht leisten können.

Team Brendel-Fischer: Felix geht in die Dr.-Kurt-Blaser-Schule des HPZ. Wie sieht der Unterricht für Felix aus?

Sandra Frank: Nach dem Kindergarten der Schulvorbereitenden Einrichtung ist Felix in die Dr.-Kurt-Blaser-Schule gekommen. In jeder Klasse werden ca. neun Kinder unterrichtet. In Felix´ Klasse sind die Kinder in der Altersstufe zwischen 3. und 9. Klasse. Er besucht eine TEACCH-Klasse. Das ist ein relativ neues Modell an der Schule. Bestimmte Reize können ihn aufgrund seiner autistischen Züge aus dem Konzept bringen. Deswegen hat er zeitweise einen Schutz an seinem Tisch. Diesen kann man sich so ähnlich wie eine Wahlkabine vorstellen. Er kann so ruhiger lernen. Es fasziniert mich, wie seine Lehrerinnen und Lehrer es schaffen, die Kinder in ihrem Entwicklungsstand und nach ihren Fähigkeiten dort abzuholen, wo sie sind. Sie wenden ganz individuelle Lehrmethoden an, um den Kindern zum Beispiel den Umgang mit Zahlen beizubringen. Für die Schulzeit hat Felix auch eine Schulbegleitung. Gleichzeitig müssen noch andere Besonderheiten der Kinder beachtet werden. Felix kann es nicht leiden, wenn Türen offen stehen, für ihn muss alles seine Ordnung haben. Ob zuhause oder in der Schule, man muss seine Umgebung entsprechend gestalten.

Team Brendel-Fischer: Gibt es bestimmte Hilfsmittel, die Felix für die Bewältigung seines Alltags nutzen kann?

Sandra Frank: Die Schüler gehen sogar mit den Lehrern im Rahmen des Hauswirtschaftsunterrichtes einkaufen. Sie schauen in den Kühlschrank und machen sich eine Liste mit Dingen, die gebraucht werden. Felix hat einen sogenannten „Talker“. Das ist ein kleines Tonaufnahmegerät. Darauf wird die Liste gesprochen. Der kleine Supermarkt in der Nähe macht sogar eine extra Kasse für die Kinder auf. Es gibt eine Klassenkasse, damit können manche der Kinder auch rechnen. Einige Kinder können ja lesen und schreiben.

Auf den „Talker“ sprechen wir manchmal auch auf, was wir am Wochenende gemacht haben. Wenn im Wohnheim nach dem Wochenende erzählt wird, was zuhause so los war, kann er auf den „Talker“ drücken und das Gerät für ihn erzählen lassen. Er ist dann auch Teil der Gesprächsrunde, ohne etwas selber sagen zu müssen.

Team Brendel-Fischer: Seit August 2013 wohnt Felix unter der Woche im Wohnheim des HPZ. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Sandra Frank: Im Wohnheim leben momentan etwa 32 Kinder in vier Gruppen. Es ist uns nicht leicht gefallen Felix unter der Woche ins Internat zu geben. Früher konnten wir uns das gar nicht vorstellen. Nachdem Felix 24 Stunden intensiv betreut werden muss, waren wir irgendwann sehr erschöpft. Als dann eine lebensbedrohliche Lungenembolie meines Mannes dazu kam, haben wir dem Gedanken Raum gegeben, uns das Internat doch einmal anzusehen. Schließlich wurde ein Platz frei, und wir haben beschlossen es zu versuchen. Nach der Besichtigung saßen mein Mann und ich erst einmal weinend im Auto. Auch wenn das Wohnheim sehr schön und familiär ist, war der Gedanke Felix zeitweise dort zu lassen für uns hart. Felix erster Tag im Wohnheim, der 01. August 2013, war für uns ein schrecklicher Tag. Aber wir konnten bald feststellen, dass das Internat Felix gut tut. In den Zeiten, in denen Felix im Internat ist, können wir Eltern auch einmal Kraft schöpfen und uns um Florian kümmern. Es ist wichtig, dass das andere, gesunde Kind nicht immer zurückstecken muss. Das ist eine Gradwanderung. Felix kann ja nicht sprechen, aber wir beobachten ihn genau und versuchen, uns in ihn hineinzuversetzen. Wenn er nach Hause kommt, freut er sich. Wenn er wieder ins Internat kommt, freut er sich auch. Normalerweise muss ich ihm beim Aussteigen aus dem Auto helfen die Beine hinauszuheben. Wenn wir das Wohnheim erreichen, geht das dann aber auf einmal ganz schnell.

Eine besonders schöne Erinnerung habe ich an Felix´ Geburtstagsfeier im Internat. Ich hatte für Felix, seine Freunde und die Betreuer seine Lieblingsspeise vorbereitet. Die Betreuer hatten alles schön für ihn hergerichtet und mit den Kindern Lieder gesungen.

Manchmal mache ich mir Sorgen, was in vier Jahren sein wird, wenn Felix Schulzeit und damit auch die Zeit im HPZ zu Ende geht.

Team Brendel-Fischer: Frau Frank, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute.