Interview

Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik

Um Kindern „Gmoorstv“ beizubringen, ist es günstig etwas von Stimmbildung zu verstehen. Warum das so ist, erfuhr das Herzkammer-Team im Gespräch mit der Leiterin des Kinderchores der evangelischen Hochschule für Kirchenmusik und Trägerin der Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland Gerti Richter.

Team Herzkammer: Frau Richter, in den vergangenen 25 Jahren haben Sie Hunderte von Chorkindern, Zuschauern und natürlich Ihre Studierenden für Musik begeistert. Wie sah Ihr eigener Weg zur Musik aus?

Gerti Richter: Meine Mutter erzählte mir immer, ich sei als Baby nur bei klassischer Musik eingeschlafen. Vor allem wurde in meiner Familie einfach viel gesungen. Als in meinem Heimatdorf nahe Köln in einer Familie ein Fernseher angeschafft wurde, durften wir Kinder dort ab und zu Serien wie „Fury“ oder „Lassie“ ansehen. Die Gitarrenmusik der Cowboys am Lagerfeuer faszinierte mich und ich fing an Gitarrenunterricht zu nehmen. Allerdings gefiel mir der Unterricht nicht. Die Übertragung eines Konzertes von Vladimir Horowitz war schließlich die Initialzündung, um Klavierspielen zu lernen. Ich bewunderte die Geschicklichkeit seiner Hände auf den Tasten. Kurz vor dem Abitur kam noch die Querflöte hinzu.

Team Herzkammer: Eigentlich besteht der Kinderchor aus drei Chören mit insgesamt etwa 100 Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren. Wenn man sich die Proben und Aufführungen ansieht, ist unschwer zu erkennen, dass Sie noch viel mehr mitbringen als rein musikalische Bildung …

Gerti Richter: Als Kind wollte ich Lehrerin werden. Im Keller meines Elternhauses improvisierte ich ein Klassenzimmer mit Schulbänken, Pult und Tafel. Dort erteilte ich den Kindern aus meiner Straße Nachhilfeunterricht. Nach dem Abitur war ich für ein Jahr als sogenannte „Medientutorin“ am Tagesheimgymnasium angestellt. Ich gab dort aber keine Landkarten aus oder betreute die Bibliothek, sondern gab selbstständig Musikunterricht. In dieser Zeit konnte ich viele Erfahrungen im Unterrichten sammeln.

Durch Zufall erfuhr ich vom Studiengang „Rhythmik“ an der Hochschule Köln. Das ist ein künstlerisch pädagogisches Fach und bedeutet grob formuliert Musik und Bewegung. Die Möglichkeit Musik in Choreografien oder Atmosphäre umzusetzen, gefiel mir sofort. Letztendlich geht es um Wahrnehmungs- und Ausdrucksschulung. In der Klavierimprovisation lernten wir zum Beispiel Gedichte so zu spielen, dass der Zuhörer versteht, was darin geschieht. Neben diesem Studium studierte ich noch Gesang und besuchte die Opernschule. Auch das Tanzen, Klavierspielen und Singen sind Leidenschaften von mir. Als Kind stand ich häufig auf der Bühne.

Team Herzkammer: Was macht das Singen im Chor mit den Kindern?

Gerti Richter: Die Kinder sind fasziniert von der Erfahrung, dass das, was sie auf der Bühne machen, nicht nur ihnen selber, sondern auch anderen Spaß macht. Der Funke springt über und sie können ihre Freude teilen.

Es gibt viele interessante Ansatzpunkte mit den Liedern und Texten zu arbeiten, und das macht den Kindern Spaß. Was Freude macht, geht wiederum sofort ins Langzeitgedächtnis. Dabei entwickelt sich nicht nur die Stimme des Kindes, sondern auch die Persönlichkeit.

Ich habe das einmal in eine Wortschöpfung verpackt: Gmoorstv. (lacht) Das bedeutet: Gemeinschaft, Mut, Optimismus, Offenheit, Risikobereitschaft, Solidarität, Teamgeist und Vertrauen. In erster Linie kommt es auf die Erfahrung in der Gemeinschaft an. In der Gruppe lernen die Kinder zum Beispiel sicher aufzutreten. Das ist auch für die Schule hilfreich, wenn sie zum Beispiel ein Referat halten müssen. Sie lernen mir zu vertrauen, und dass wir uns gegenseitig helfen. Wenn etwas nicht klappt, macht man es nochmal.

Team Herzkammer: Wie erarbeiten Sie mit den Kindern die Stücke? Gibt es eine „Methode Gerti“?

Gerti Richter: Je nach Alter muss ich als Chorleiterin die Kinder dort abhole, wo sie mit ihren Erfahrungen stehen. Wir müssen altersgerecht arbeiten und die Kinder als Individuen begreifen. Um ein Musical zu erschließen, arbeiten wir auf ganz unterschiedlichen Ebenen und mit allen Sinnen. Dabei muss ich kreativ und fantasievoll arbeiten: Singen ist Kognition und Emotion. Die Lieder werden nach und nach erarbeitet bzw. vermittelt. Der Inhalt der Strophen kann zum Beispiel gruppenweise durch Pantomime selbstständig erarbeitet oder dargestellt werden. Die Kinder spielen sich dann gegenseitig vor, die anderen raten. So beschäftigen sich die Kinder mit dem Inhalt und lernen schneller auswendig. Rhythmen werden mit Körperinstrumenten (z. B. klatschen, schnippen, patschen) wiedergegeben und geübt oder auf Orffinstrumenten dargestellt. Wir arbeiten viel mit Symbolen und Bildern. Auch die Rollen werden mit den Kindern zusammen entwickelt. Der Regisseur hat seine Vorstellungen, das Kind auch. Wir bringen das zusammen.

Für jede Stunde habe ich eine Planung, aber man muss auch bereit sein die Gruppe in ihrer Eigendynamik leben zu lassen. Ich habe mein Ziel vor Augen und verfolge es. Aber wenn ich in die Gruppe hineingehe, strecke ich zuerst meine Fühler aus, um zu sehen, wie die Stimmung in der Gruppe gerade ist. Ich muss das auffangen und vielleicht einen anderen Weg einschlagen, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Team Herzkammer: Was konnten Sie von Ihren Chorkindern lernen?

Gerti Richter: : Bestätigt haben sie mir, dass Authentizität wichtig ist. Die Kinder sind offen und ehrlich. Nur wenn man authentisch ist, nehmen die Kinder einen ernst. Das gilt auch, wenn man Fehler macht.

Ich habe auch gelernt, dass man eine große Gruppe mit über 35 Kindern wie ein Individuum lenken kann, ohne dabei das Wesen des einzelnen Kindes zu vernachlässigen.

Meine Leidenschaft zur Musik, zum Singen und Tanzen habe ich zum Beruf gemacht. Darüber hinaus bin ich ein geselliger Mensch und das prägt den Chor. So habe ich immer mit den Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen, versucht andere für Musik und Gesang zu begeistern. Mir war immer klar, dass ich aufhöre, wenn es mir keine Freude mehr macht. Aber wenn so viele Kinder kommen, denen es Spaß macht, motivieren sie mich auch.

Team Herzkammer: Frau Richter, vielen Dank für das Gespräch