Minister Bernd Sibler im Gespräch

Beste Bildung für alle Kinder im Landkreis Deggendorf

Sehr geehrter Herr Sibler, die neue „Deggendorfer Herzkammer“ widmet sich dem Thema Bildung, das Ihnen als frisch ernannter Staatsminister für Unterricht und Kultus natürlich besonders am Herzen liegt. Wie beurteilen Sie das aktuelle bayerische Bildungssystem?

Bernd Sibler: Bayern hat ein hervorragendes Bildungssystem, wie zahlreiche Studien seit Jahren immer wieder belegen. Der Erfolg liegt im mehrgliedrigen Bildungssystem begründet, das die Begabung jedes Einzelnen in den Mittelpunkt rückt. Mit dem Bildungspaket, das rund 2 000 neue Stellen für bayerische Schulen aller Schularten beinhaltet, tätigen wir weitere wichtige Investitionen in die Zukunft junger Menschen. Das differenzierte Bildungssystem mit seiner hohen Durchlässigkeit und Qualität wird damit weiter gestärkt.

 

Wie sieht diese Stärkung konkret aus?

Bernd Sibler: Ganz konkret in Zahlen heißt das: Bayern investiert ein Drittel seines Staatshaushalts und damit rund 20 Milliarden Euro in die Bildung! Neben dem kraftvollen Bildungspaket, das allen Schulen in Bayern zugutekommt, haben wir mit dem Masterplan BAYERN DIGITAL II die Zukunft im Blick und werden in den kommenden fünf Jahren einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag zusätzlich in unsere Schulen investieren. Wichtig ist mir hierbei, dass es nicht um Zahlen, sondern um bestmögliche Förderung für jedes einzelne Kind geht, das uns anvertraut ist. Denn hinter diesen Zahlen stehen Gesichter und Persönlichkeiten! Wer eine Schule in Bayern besucht, darf darauf vertrauen: Viele Wege führen zum Ziel und jedem steht sein individueller Bildungsweg offen.

Da die individuelle Lernzeit jedes Kindes unterschiedlich ausfällt, haben wir auch zahlreiche flexible Angebote geschaffen wie die Flexible Grundschule, die 9+2 Klassen an der Mittelschule, die Einführungsklassen am Gymnasium oder die Vorklassen an der Beruflichen Oberschule. Jede Schülerin und jeder Schüler kann somit nach eigenen Bedürfnissen unterschiedliche Lernzeiten in Anspruch nehmen, um den angestrebten Abschluss zu erreichen. Dies gilt auch für das neue bayerische Gymnasium, das neben den neun Jahren ermöglichen wird, die Lernzeit individuell auf acht Jahre zu verkürzen. Zudem sichern wir, dass es für jeden Abschluss einen Anschluss gibt. Denn vor allem die Durchlässigkeit unseres Schulsystems bewirkt Chancengerechtigkeit.

 

Sie betonen die individuelle Förderung. Wie ist diese individuelle Förderung bei uns im Landkreis Deggendorf aufgestellt?

Bernd Sibler: Unser Landkreis gibt ein sehr gutes Bild davon ab, welche individuellen Fördermöglichkeiten das bayerische Bildungssystem eröffnet. Ich möchte ein Beispiel nennen: Vor kurzem war ich an der Grundschule Lalling zu Besuch. Sie trägt seit diesem Schuljahr das Profil „Inklusion“. Die gesamte Schulfamilie, Lehrkräfte, Eltern und Schüler haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht, den Unterricht so zu gestalten, dass er allen Kindern mit ihren unterschiedlichen Begabungen gerecht wird. Das gemeinsame Lernen und Leben von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf steht hier im Mittelpunkt.  Das Lallinger Schulkonzept vereint Inklusion zugleich mit der Stärkung besonderer Begabungen. So nimmt die GS Lalling auch an der neuen Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ zur Förderung besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler teil. Die GS Lalling unter Rektorin Frau Dr. Maier und ihre Lehrkräfte machen es sich also tagtäglich zur Aufgabe, jedes einzelne Kind nach seiner  Begabung intensiv zu fördern. Das ist sehr beeindruckend und verdient große Anerkennung!

 

Wie funktioniert das in der Praxis?

Bernd Sibler: Für die Stärkung der Kinder mit einem besonderen Förderbedarf erhält die Grundschule vom Bayerischen Kultusministerium zunächst einmal 13 zusätzliche Unterrichtsstunden. Im Falle von Lalling kann Frau Happle, die regulär am Sonderpädagogischen Förderzentrum Schöllnach-Osterhofen unterrichtet, damit gezielt an Lern- und Verhaltensschwierigkeiten arbeiten.

Daneben erhalten auch die Lehrkräfte in Lalling selbst weitere 10 Stunden für individuelle Fördermöglichkeiten. So können beispielsweise zwei Lehrkräfte gemeinsam eine Klasse unterrichten und kleinere Gruppen bilden, die in unterschiedlichem Lerntempo und mit verschiedenen Lernmethoden vorangehen.

 

Ist die Grundschule Lalling die einzige Schule im Landkreis Deggendorf mit dem Schulprofil „Inklusion“?

Bernd Sibler:  Noch ist sie die einzige Grundschule. Daneben tragen bei uns im Landkreis Deggendorf auch die Berufsschule St. Erhard in Plattling, die St.-Notker-Schule in Deggendorf, die Mittelschule Metten und die Staatliche Berufsschule II in Deggendorf das Profil „Inklusion“. Auch bei meinen Besuchen dort konnte ich sehen, welche hervorragende pädagogische Arbeit sie leisten. Die genannten Schulen profitieren von den Stellen, die der Freistaat exklusiv für die Inklusion zur Verfügung stellt. Seit 2011 sind dies jedes Jahr 100 zusätzliche Lehrerstellen, bisher also insgesamt 700. Für dieses Jahr sind weitere 100 Stellen beschlossen und im Bildungspaket sind für die Jahre 2019/2020 nochmals jeweils 100 Stellen für die Inklusion geplant.

 

Und inwiefern profitieren die leistungsstarken Schüler?

Bernd Sibler: Individuelle Förderung heißt nicht nur, den Schwächeren, sondern allen und damit auch den Leistungsstärkeren gerecht zu werden. Die GS Lalling kooperiert hier zum Beispiel mit dem Comenius-Gymnasium Deggendorf. Schüler der sechsten Klasse führten den Grundschülern der dritten Klassen vor, wie man Chlorophyll aus Blättern extrahiert. Manche Grundschüler saugten die Informationen so wissbegierig auf, dass sie diese dann im Anschluss selbst an Schüler der vierten Klassen weitergeben konnten. Durch die Zusammenarbeit der Schulen entstehen vielfältige neue Lernmöglichkeiten.

So wie die GS Lalling wurde übrigens auch das Comenius-Gymnasium Deggendorf als zweite Schule im Landkreis in die Bund-Länder-Initiative zur Förderung leistungsstarker Schüler aufgenommen.

 

Was ist das Ziel dieser Bund-Länder-Initiative?

Bernd Sibler: Die Schulen wurden ausgewählt, um eine leistungsfördernde Schulkultur zu entwickeln. Ein interdisziplinärer Forschungsverbund aus 15 Universitäten, darunter die Universität Regensburg, begleitet sie hierbei. Die von den Schulen entwickelten Konzepte, Maßnahmen und Materialien werden evaluiert und dann weiteren Schulen bundesweit zur Verfügung gestellt. Da es häufig sehr schwierig ist, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zu erkennen, werden Lehrkräfte zusätzlich in ihren Diagnose-Kompetenzen gestärkt.

Neben Lalling und dem Comenius-Gymnasium wird derzeit daran gedacht, die Mittelschule Hengersberg als assoziiertes Mitglied aufzunehmen, um den Bildungs- und Begabtenbogen noch weiter zu schlagen. Zusammen mit der Realschule Pfarrkirchen, die ebenfalls teilnimmt, wird das Bild rund und ein wertvolles Netz intensiver schulischer Kooperationen geknüpft. 

 

Das Comenius-Gymnasium wurde im Oktober 2016 auch zum Kompetenzzentrum für Hochbegabte ernannt. Was hat es damit auf sich?

Bernd Sibler: Das war ein besonderer Meilenstein, denn das Comenius-Gymnasium ist damit in ganz Niederbayern die zentrale Anlaufstelle für alle Gymnasien, die ihr Schulprofil im Bereich der Begabtenförderung schärfen wollen. In einer speziellen Klasse werden seit 2009 besonders begabten Schülerinnen und Schülern durch Enrichmentfächer zusätzliche Herausforderungen gestellt und sie erhalten im Sinne der personenorientierten Begabungsförderung Unterstützungsangebote in Form von Coaching und personaler Kompetenz. Als Kompetenzzentrum bietet das Comenius allen niederbayerischen Gymnasien Informationsmöglichkeiten, Hospitationen und Fortbildungsveranstaltungen. Fast alle 37 Gymnasien Niederbayerns waren schon zu Besuch und haben theoretische und praktische Impulse zur Begabtenförderung von den Lehrkräften des Comenius-Gymnasiums aufgenommen.

 

Nimmt das Comenius-Gymnasium hier also eine Vorreiterrolle ein?

Bernd Sibler: Ein ganz klares Ja! Es gibt seine wertvollen Erfahrungen aus der Begabtenklasse weiter und steht als Ansprech- und Kooperationspartner nicht nur für Gymnasien, sondern auch Grundschulen, Eltern und im Rahmen der Lehrerausbildung zur Verfügung.

Darüber hinaus kooperiert das Comenius-Gymnasium mit der Technischen Hochschule Deggendorf (THD). Seit Februar 2015 gibt es eine offizielle Kooperationsvereinbarung. Im Zentrum steht hier die wissenschaftlich-technische Oberstufe: 15 Schülerinnen und Schüler aller 10. Klassen des Gymnasiums werden in einem Bewerbungsprozess ausgewählt, um ihr W- und P-Seminar in den Jahrgangsstufen 11 und 12 direkt an der THD zu absolvieren.

Das Angebot richtet sich nicht nur an Hochbegabte, sondern an alle leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. Ist ein Schüler z.B. im Fach Informatik sehr stark und interessiert, kann er an einer geeigneten Vorlesung oder einem Seminar teilnehmen. Auch seine Seminararbeit schreibt er an der THD. Der Schüler wird dabei von einem Professor oder Dozenten eng betreut. Diese Verzahnung von Schule und Hochschule ermöglicht es Schülern bereits sehr früh, in die Wissenschafts- und Forschungslandschaft hinein zu schnuppern und Einblicke in den Hochschulalltag zu erlangen. Und sie können sich natürlich auch bereits beruflich orientieren. Die Initiativen, die wir im Landkreis Deggendorf haben, zeigen eindrucksvoll: Wir nehmen den gesamten Bildungsbogen der jungen Menschen in den Blick und bieten ihnen alle Chancen!