Interview

Differenziertes Schulwesen

Interview mit Ingrid Ritt, Erste Vorsitzende der Bundesinitiative Differenziertes Schulwesen e.V.

 

HERZKAMMER
Sie setzen sich mit Ihrer Initiative „3xMEHR" für das differenzierte Schulwesen ein. Was sind die Vorteile im Gegensatz zur Gesamt- oder Gemeinschaftsschule?

INGRID RITT
Wir – das sind Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Schulleiter aus allen Schulformen in Deutschland – sind überzeugt, dass ein differenziertes Schulwesen die beste Gewähr dafür bietet, dass jedes Kind die ihm angemessene Förderung erhält. Wir setzen uns daher für ein vielfältiges Angebot an Schularten ein. Fordern und Fördern gehören für mich zusammen. Und nur ein entsprechend differenziertes Angebot kann sowohl den Anforderungen als auch den individuellen Bedürfnissen und Begabungen unserer Kinder Rechnung tragen. Nehmen Sie beispielsweise die Förderschule: Dort erhalten Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen individuell auf sie abgestimmten, fürsorglichen Unterricht durch speziell dafür ausgebildete Lehrkräfte.

HERZKAMMER
Die Befürworter der Einheitsschule argumentieren, dass gleiche Bildung den Schülern gleiche Chancen eröffne. Was sagen Sie dazu?

INGRID RITT
Die Einheitsschule ist pädagogische Romantik. Bildungsgerechtigkeit besteht nicht darin, Ungleiches gleich zu behandeln. Ein differenziertes Bildungsangebot mit eigenständigen Schularten stellt dagegen das einzelne Kind in den Mittelpunkt. Grundgesetz und Landesverfassungen garantieren Eltern zudem die Entscheidungsfreiheit über die Bildung ihrer Kinder. Mit „einer Schule für alle" würde dieses Recht beschnitten, sie haben dann weniger Wahlmöglichkeiten. Langzeitstudien wie die LIFE-Studie des bekannten Bildungsforschers Prof. Helmut Fend zeigen: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen im differenzierten Schulsystem. Auch die Behauptung, nur ein gemeinsamer Schulbesuch über die vierte Klasse hinaus garantiere Chancengerechtigkeit im Bildungsgang, ist empirisch nicht nachgewiesen. Wichtig ist, dass das Schulsystem durchlässig ist und dass die Schnittstellen zwischen Kindergarten und Grundschule, Grundschule und weiterführenden Schulen, weiterführenden Schulen und berufsbildenden Schulen gut aufeinander abgestimmt sind.

HERZKAMMER
Auch in der Lehrerbildung wird den unterschiedlichen Schularten Rechnung getragen. Inwiefern trägt die differenzierte Lehrerbildung zur Qualität der Bildung in Bayern bei?

INGRID RITT
Ein differenziertes, leistungsbezogenes Schulwesen braucht natürlich auch gut ausgebildete Lehrer. In der Hattie-Studie aus dem Jahr 2008 „Visible Learning – Lernen sichtbar machen" beschäftigte sich John Hattie mit der Wirksamkeit von Unterrichtsmaßnahmen und untersuchte dabei 138 Einflussfaktoren auf den schulischen Lernerfolg. Ergebnis: Neben dem Schüler selbst spielt die Lehrkraft eine ganz entscheidende Rolle für den schulischen Lernerfolg! Die Hattie-Studie zeigte im Übrigen auch, dass Kinder, die ihr Lernen ausschließlich selbst steuern, damit überfordert sind. Lehrkräfte müssen deshalb mehr sein als „Lernbegleiter" oder „Lerncoaches". Diese Rollenzuweisungen gehen aus meiner Sicht völlig an den wissenschaftlichen Ergebnissen vorbei.

HERZKAMMER
Sie machen sich auch für die berufliche Bildung als Alternative zum Studium stark. Mit Initiativen wie „Ausbildung macht Elternstolz" oder Kooperationen zwischen Bildung und Wirtschaft setzt sich Bayern für ein Umdenken ein. Wie ist Ihr Eindruck – kommt dieses Umdenken auch schon bei den Eltern und Schülern an?

INGRID RITT
Der hohe Standard unserer dualen beruflichen Ausbildung ist international anerkannt und die tragende Säule unserer erfolgreichen Wirtschaft. Wir werden von vielen Ländern darum beneidet. Berufliche Bildung und akademische Bildung müssen endlich als gleichwertig anerkannt werden. Der viel bemühte Satz „Der Mensch beginnt nicht erst beim Abitur" ist aber noch nicht bei allen angekommen. Wer den Maßstab für Bildungsgerechtigkeit an der Zugangsberechtigung zum Gymnasium festmacht, der erzeugt Übertrittsstress für Eltern und Kinder. Dabei erhalten knapp über 40 Prozent der Studierenden heute ihre Hochschulzugangsberechtigung außerhalb des Gymnasiums. Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang, Kinder und Jugendliche bei der Berufsorientierung an den Schulen bestmöglich zu unterstützen. Ein gelungenes Beispiel aus der Praxis ist das Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT: Hier engagieren sich bundesweit über 8.000 Betriebe, um Schülerinnen und Schüler praxisnah an wirtschaftliche Themen heranzuführen.

HERZKAMMER
Welche Rolle spielt die Familie für einen erfolgreichen Bildungsverlauf?

INGRID RITT
Kinder, die von klein auf in einem bildungsfreundlichen Umfeld aufgewachsen sind, finden sich oftmals leichter in leistungsorientierten Schulen zurecht als Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern. Diese Herausforderung gilt es zu meistern. In der Öffentlichkeit wird Bildungspolitik oft ausschließlich sozialpolitisch diskutiert. Natürlich ist es in unserem eigenen Interesse, Kindern aus bildungsferneren Elternhäusern einen bestmöglichen Bildungsabschluss zukommen zu lassen. Wenn höhere Schulabschluss-Quoten jedoch mit einer Absenkung des Bildungsniveaus einhergehen, ist das der falsche Weg. Eine höhere Quote bedeutet nämlich dann nicht einen Mehrwert an Bildung. Eine individuelle Förderung der jungen Menschen in eigenständigen Schularten ist aus meiner Sicht auch hier der bessere Weg.

HERZKAMMER
Kann also auch in diesem Bereich das differenzierte Schulwesen Nachteile ausgleichen?

INGRID RITT
Eine bestmögliche Förderung von Kindern, wie sie mit dem differenzierten Schulsystem gegeben ist, kann Nachteile, die manche junge Menschen aufgrund ihres Umfelds erfahren, ausgleichen. Schule wird jedoch die Unterschiedlichkeit nicht vollständig auflösen können. Das ist im Übrigen auch nicht ihre Aufgabe. Schule ist keine Reparaturwerkstätte der Gesellschaft und aus meiner Sicht auch kein Versuchslabor für pädagogische Wunschträume. Eine gewisse Lernbereitschaft und die nötige eigene
Anstrengung gehören zum Bildungserfolg, zum Erfolg im Berufsleben und zur Lebensbewältigung dazu.


Foto: Foto_Bernhard
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