Fachgespräch

Die Hochschule der Zukunft

Bayerns Hochschulen schreiben Rekorde: Rund 400.000 Studierende sind derzeit eingeschrieben. Das Studienangebot ist dabei so vielfältig wie nie. Die Studierenden haben die Qual der Wahl: Praxis oder Theorie? Universität, Hochschule für angewandte Wissenschaften oder doch lieber ein duales Studium? Wir haben vier Vertreter von Politik, Universität, Hochschule für angewandte Wissenschaften und RCDS an einen Tisch geholt und über die Zukunft der bayerischen Hochschulen gesprochen:

  • Oliver Jörg, MdL, Vorsitzender des Arbeitskreises Wissenschaft und Kunst der CSU-Landtagsfraktion
  • Prof. Dr. Stefan Leible, Präsident der Universität Bayreuth
  • Prof. Dr. Walter Schober, Präsident der Technischen Hochschule Ingolstadt
  • Nora Weiner, Vorstandsmitglied des RCDS an der Technischen Universität München

 

HERZKAMMER
Hat die Digitalisierung die Bildungsideale an Hochschulen verändert?

SCHOBER
Aus meiner Sicht haben sich die alten Bildungsideale nicht dramatisch verändert. Das Traditionelle wird nie aufhören, aber durch die Digitalisierung wird es mehr Möglichkeiten geben, wie Wissen vermittelt wird. Frontalvorlesungen werden massiv an Bedeutung verlieren, denn die Inhalte kann ich mir über MOOCs (Massive Open Online Courses) orts- und zeitunabhängig herunterladen. Wir als Hochschulen werden mehr in der Interaktion mit den Studierenden zusammenarbeiten. In der Vorlesung steht dann mehr die Diskussion mit dem Dozenten – auch in Kleingruppen – im Vordergrund.

WEINER
Die Digitalisierung ist auch deshalb sehr wertvoll, weil sie viel mehr Personen den Zugang zu einem Studium ermöglicht – wenn man zum Beispiel ein Semester aussetzen muss, weil man krank ist, ein Kind erziehen oder einen Angehörigen pflegen muss. In diesen Fällen ermöglicht es die Digitalisierung, dran zu bleiben, weil man sein Studium nicht mehr unterbrechen muss.

LEIBLE
Ich glaube, dass die Digitalisierung eine der großen Herausforderungen der Zukunft ist. Zum einen betrifft das den Inhalt der Studiengänge, denn Digitalisierung bestimmt unser ganzes Leben und daran müssen wir auch die Studien-inhalte anpassen. Zum anderen ist es die Vermittlung von Bildung, zum Beispiel in Online-Kursen. Hier müssen wir auch die Infrastruktur ausbauen. Die Universität wird aber immer als Präsenzuniversität existieren. Sie ist ein Kommunikationsort und ein sozialer Raum. Wenn wir den Studenten diesen Raum nicht bieten, werden wir keinen Fortschritt haben, denn Fortschritt entsteht durch Kommunikation. Und da spielt die physische Präsenz eine wichtige Rolle.

HERZKAMMER
Duale Studiengänge sind auf dem Vormarsch. Was ist wichtiger: Studium oder Praxis?

SCHOBER
Die Anzahl der dual Studierenden hat sich in den letzten Jahren in etwa verzehnfacht. Aber ich glaube, dass wir beim Dualen Studium an eine gewisse Sättigungsgrenze herangekommen sind. Viele Studenten wollen sich nicht langfristig auf ein einziges Unternehmen festlegen, sondern sie wollen Praktika in unterschiedlichen Unternehmen machen. Da sind die dualen Studien oft zu starr, um diesen Interessen gerecht zu werden. Es hängt auch von den jeweiligen Studiengängen ab, ob ein Duales Studium funktioniert. Wichtig ist ein möglichst breites Angebot, damit wir allen Studierenden ein passendes Studium ermöglichen.

LEIBLE
Ich sehe das nicht als Widerspruch, sondern eher als Frage der Angebotsvielfalt. Denn die jungen Studierenden werden immer diverser und da muss man mit einem diversen Angebot reagieren. Wir beobachten, wie sich die Gesellschaft entwickelt, und fragen uns, welche Themen könnten für die Gesellschaft in 15 Jahren interessant sein. Das versuchen wir aufzugreifen und in neue Studiengänge umzusetzen. Aber ich bilde nicht primär für einen Beruf aus. Meine Aufgabe als Universität ist es, dass wir den Studenten nicht nur Wissen vermitteln, sondern dass sie auf dieser Basis in der Lage sind, Ideen zu formulieren und eigenständig Lösungen zu entwickeln.

JÖRG
Man kann nicht alle Lebenslagen lehren, aber man kann sehr wohl lehren, dass man mit allen Lebenslagen zurechtkommt. Sich selbstständig in eine Thematik einzuarbeiten, bestimmte Aufgabenstellungen zu bewältigen – das ist das Entscheidende. Man gewinnt an Problemlösungskompetenz.

 


Oliver Jörg, MdL, ist Vorsitzender des Arbeitskreises Wissenschaft und Kunst der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag.

 

HERZKAMMER
Wo stehen bayerische Hochschulen im nationalen und internationalen Wettbewerb?

JÖRG
Wir haben in ganz Bayern großes Potenzial für exzellente Forschung und Lehre und zwar nicht nur an den beiden Münchner Exzellenzuniversitäten. In der ersten Ausscheidungsrunde der laufenden Exzellenzstrategie kamen insgesamt elf bayerische Anträge weiter. Fünf davon aus nordbayerischen Universitäten. Wir sorgen mit unserer Wissenschaftspolitik dafür, dass mittelfristig noch weitere Exzellenzräume in Bayern wachsen. Im Bereich Innovative Hochschule haben wir bei den letzten Bundeswettbewerben sehr gut abgeschnitten. Als CSU-Fraktion gehen wir die anwendungsbezogene Forschung an. Professorinnen und Professoren möchten wir noch stärker vom hohen Lehrdeputat befreien, sodass sie mehr Zeit zum Forschen haben und sich mit der regionalen Wirtschaft noch besser vernetzen können. Wir wollen mehr Flexibilität bei den Studienbeitragsmitteln haben, um sie zum Beispiel noch besser im Bereich Personal einbringen zu können. Im Nachtragshaushalt ist uns in diesem Zusammenhang ein großer Erfolg gelungen. Die sogenannte Stellenschaffungsquote, so nennt man die Möglichkeit, aus Mitteln der Studienzuschüsse unbefristete Mitarbeiter einzustellen, konnte von 50 Prozent auf 65 Prozent erhöht werden.

SCHOBER
Wir stehen international wirklich sehr gut da. Wenn wir mit einer Delegation ins Ausland gehen, merken wir, dass wir in Bezug auf unser deutsches Hochschulsystem und unser deutsches Bildungssystem im Ausland eine hohe Anerkennung haben, weil wir sowohl eine berufliche Ausbildung als auch eine akademische Ausbildung haben. Wir sollten unser Bildungssystem aber noch stärker vermarkten, so wie es die Amerikaner oder die Australier machen. In dieser Richtung sehe ich noch gewisse Potenziale.

LEIBLE
Im nationalen Vergleich stehen wir in Bayern am besten da. International stehen wir gut da, aber nicht an der Spitze. Es reicht nicht, dass wir an den deutschen Hochschulen unseren Standard einfach nur halten, denn das heißt, dass wir in den internationalen Rankings immer weiter zurückfallen. Wir müssen uns ununterbrochen weiterentwickeln und auf aktuelle Entwicklungen reagieren.

SCHOBER
Wir haben in Bayern und in Deutschland nicht die großen Ausreißer nach oben oder unten. Vom Mittelwert sehe ich uns aber deutlich über den anderen Nationen. In den USA haben wir die Situation, dass wir ein paar Elite-Universitäten haben, die natürlich top sind, den Durchschnitt sehe ich aber weit unter unserem.

 


Prof. Dr. Stefan Leible ist Präsident der Universität Bayreuth und ist dort Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung.

 

HERZKAMMER
Was braucht es konkret, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können?

LEIBLE
Auf lange Sicht müssen wir uns fragen, wie attraktiv wir im internationalen Wettbewerb sind. Als Universitäten versuchen wir mehr und mehr, auf dem internationalen Markt Dozenten zu rekrutieren. Da ist es nicht ganz einfach, konkurrenzfähige Angebote zu machen. Wir zahlen vielleicht genauso gut wie die Engländer oder Amerikaner. Aber wenn die Leute hören, dass sie neun Semesterwochenstunden unterrichten müssen, dann ist das nicht mehr interessant. In den USA sind es, wenn es hoch kommt, fünf.

JÖRG
Unser System ist schon sehr gut aufgestellt. Für viele Wissenschaftler ist zum Beispiel der deutsche Beamtenstatus immer noch sehr attraktiv. Auch das hohe Gut der Forschungsfreiheit, die an den deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich herrscht. Entscheidendes liegt hier in der Eigenverantwortlichkeit der Hochschulen. Bei den Berufungsverhandlungen gibt es allerdings noch zu viele rechtliche und bürokratische Hürden. Wir müssen eine Professorenstelle so attraktiv gestalten, dass Topwissenschaftler aus dem Ausland nach Bayern kommen. Dafür müssen wir den Hochschulen entsprechende Spielräume einräumen. Genauso wichtig ist es, eine Abwanderung der Spitzenwissenschaftler ins Ausland zu verhindern. Hier gehören die verschiedenen Karrierestufen Doktorat und Postdoc auf den Prüfstand gestellt. Das sogenannte Tenure-Track-Programm des Bundes ist hier nur einer von mehreren möglichen Wegen. Die Tenure-Track-Professur sieht nach erfolgreicher Bewährungsphase den unmittelbaren Übergang in eine Lebenszeitprofessur vor. Sie macht den Karriereweg in der akademischen Welt planbarer und transparenter.

 


Prof. Dr. Walter Schober ist Präsident der Technischen Hochschule Ingolstadt und stellvertretender Vorsitzender des Verbands Hochschule Bayern e.V.

 

HERZKAMMER
Wie fällt Ihre Bilanz zu Bologna aus? Was hat sich bewährt? Wo gibt es noch Nachbesserungsbedarf?

SCHOBER
Meine Bilanz zu Bologna ist durchwachsen, denn die Modulstrukturen sind oft zu eng gestrickt: Pro Modul in der Regel fünf oder sechs ECTS-Punkte und eine Prüfung. Ich würde mir hier einen flexibleren Rahmen wünschen. Ich halte weder das System für sinnvoll, wie es zum Beispiel bei der Juristenausbildung der Fall ist, dass es zum Schluss eine große Prüfung gibt und dazwischen ist nichts, noch das System, alles modulweise zu lernen und abzuprüfen. Eine Kombination wäre besser.

LEIBLE
Wir brauchen uns nicht die Frage zu stellen „Bologna ja oder nein". Bologna hat immer noch ein recht starres Korsett, in dem es sehr wenige Freiheiten gibt. Es gibt die starren Modulstrukturen, die erfüllt werden müssen. Es gibt Prüfungsformate, die unbedingt angeboten werden müssen. Ich würde mir auch mehr Flexibilität und Gestaltungsfreiheit wünschen. Unsere Studenten brauchen in ihrem späteren Berufsleben oft einen sehr großen Themenbereich und das ist mit den Bologna-Strukturen manchmal sehr schwierig abzubilden.

JÖRG
Hier muss man bei der Kultusministerkonferenz (KMK) ansetzen. Die KMK soll den Hochschulen einen gewissen Vertrauensvorschuss und mehr Freiheit darin geben, Studierenden passgenaue Seminare anbieten zu können, insbesondere auch was in die jeweilige Region passt.

SCHOBER
Das haben wir zum Beispiel an der Technischen Hochschule Ingolstadt im Bereich Betriebswirtschaft gemacht und ein Vertiefungsseminar eingeführt. Dort führen wir mit den Studenten ein betriebswirtschaftliches Fachgespräch, in dem es um das Gesamtwissen geht, das die Studenten bis dahin gelernt haben.

 


Nora Weiner ist Vorstandsmitglied des RCDS an der Technischen Universität München und studiert Chemie-Ingenieurwesen im Masterstudium.

 

HERZKAMMER
In den letzten Jahren wurden viele Hochschulen auch außerhalb der Ballungszentren gegründet. Wie bewerten Sie die Verlagerung von Hochschulen in den ländlichen Raum?

LEIBLE
Es gilt für viele bayerische Universitäten, dass sie regional verwurzelt und zugleich international ausgerichtet sind. Eine Hochschule kann nicht funktionieren, wenn sie nicht in der Region eingebettet ist. Wir haben viele kleine und mittelständische Unternehmen, die nur 100 oder 150 Mitarbeiter haben, aber die in die ganze Welt exportieren. Darauf müssen wir unsere Studenten aufmerksam machen. Dass es für sie auch attraktiv ist, nach dem Studium in der Region zu bleiben. Da sind die Gehälter vielleicht etwas geringer als in München, aber die Lebenshaltungskosten auch – sodass sie am Ende mehr Geld in der Tasche haben.

JÖRG
Jede Hochschule und Universität ist automatisch in der Region verwurzelt. Der Dialog zwischen der Hochschule und der Wirtschaft und Gesellschaft vor Ort führt dazu, dass wertvolle Anregungen und Weiterentwicklungen entstehen. Denken Sie nur an die zahlreichen Technologietransferzentren in allen Regierungsbezirken und die neuen Standorte von Hochschulen für angewandte Wissenschaften, die im Zuge der wissenschaftsgestützten Regionalentwicklung in den vergangenen Jahren entstanden sind.

SCHOBER
Es ist die Frage, wie weit ich Regionalisierung treiben kann. Denn studentisches Leben erfordert auch den Austausch mit anderen Fakultäten und anderen Disziplinen. Wenn ich weniger als 1.000 Studierende habe, kann ich das Thema Studium nur noch begrenzt abbilden. Die Regionalisierung wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, aber wir sollten sie an eine Mindestzahl von Studierenden binden, damit der studentische Austausch auch fächerübergreifend möglich ist.

HERZKAMMER
Heute haben Sie die Gelegenheit, sich etwas von der Politik zu wünschen. Was wäre das?

SCHOBER: Ich würde mir wünschen, dass wir den Professoren die Freiräume schaffen, auch angewandte Forschung zu machen. Wir wissen, dass das mit 18 Stunden Lehre definitiv nicht geht. Und dass wir unseren akademischen Mittelbau stärken.

WEINER: Was wir Studenten uns auch noch wünschen, ist mehr Campusleben. In Amerika hat man zum Beispiel viel stärker die Möglichkeit, in Dining Halls morgens, mittags und abends zu essen oder auf dem Campus in einem Studentenwohnheim zu leben. Wir hoffen, dass der Bildungsföderalismus erhalten bleibt, weil er unglaublich wertvoll ist für Bayern.

LEIBLE
Es sind vor allem viele kleine Bausteine, die uns helfen. Das ist die Reduzierung der Stundenzahl, die ein Professor pro Woche lehren muss, die Frage der Digitalisierung, ein noch stärkerer Dialog zwischen Politik und Hochschulen, mit Blick darauf, was wir in Bayern tun können, damit wir 2030 weltweit noch besser dastehen.

JÖRG
Die Eigenverantwortlichkeit der Hochschulen ist ein wichtiges Instrument. Wir vertrauen darauf, dass die Hochschulen Experten darin sind, Zielvereinbarungen im Rahmen des Innovationsbündnisses so umzusetzen, dass sie den Hochschulraum Bayern voran bringen. Wir können als Politik bei den Zielvereinbarungen nur punktuelle Anregungen geben. Es liegt im Wesen der Hochschulautonomie, dass die Hochschulen selbst herausfinden, wo ihre eigenen Stärken liegen und wo sie ihre Schwerpunkte setzen möchten. Ich halte gar nichts davon, wie es die Opposition bisweilen versucht, hier mit Bürokratie, Berichten und Quoten regulierend einzugreifen. Kreativität braucht Freiheit.

 

Foto: CSU-Fraktion
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