Digitalisierung

Interview über den digitalen Wandeln und die Chancen für Bayern.

Herr Eisenreich, der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer hat in seinen Regierungserklärungen 2008 und 2013 gesagt, Bayern solle eine weltweit führende Region für Digitalisierung werden. Was ist daraus geworden?
Bayern investiert rund 6 Mrd. Euro, so viel wie kein anderes Land. Erstens in die Infrastruktur – also schnelles Internet. Zweitens in inhaltliche Projekte. Für das Erste haben wir mit dem Zukunftsprogramm „Bayern Digital I" bereits 2,5 Mrd. Euro ausgegeben, davon alleine 1,5 Mrd. Euro für den flächendeckenden Ausbau des Breitbandnetzes. 96 Prozent der bayerischen Kommunen sind im Förderverfahren, in Niederbayern sogar 99Prozent.

Und die Inhalte?
Das ist der Schwerpunkt von „Bayern Digital II“ für das bis 2022 weitere 3,5 Mrd. Euro fließen. Jedes Ministerium hat große digitale Projekte. Mit dem Zentrum Digitalisierung Bayern vernetzen wir Wissenschaft und Wirtschaft. Wir setzen auf digitale Gründerzentren. Die gibt es in Niederbayern etwa in Passau, Deggendorf und Landshut, in Oberbayern in München, Ingolstadt und Rosenheim. Sie laufen so gut, dass die Staatsregierung entschieden hat, in jedem Regierungsbezirk ein weiteres Gründerzentrum zu schaffen.

Was ist dabei Ihre Aufgabe als bayerischer Digitalminister?
Unsere Strategie in Bayern ist, dass jedes Ministerium auch ein Digitalministerium ist. Das Landwirtschaftsministerium etwa befasst sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung, die sich in der Landwirtschaft bieten; die Landesanstalt für Landwirtschaft in Ruhstorf an der Rott hat hier eine wichtige Aufgabe. Ähnlich ist es im Gesundheitsministerium – dort geht es zum Beispiel um Telemedizin und um digitale Assistenzsysteme in der Pflege, damit pflegebedürftige Menschen möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben können. In Straubing testet Bayern gerade den Tele-Notarzt, der per Video die Rettungskräfte unterstützt, bis der Notarzt vor Ort ist. Das sind alles Fachthemen, die im Fachministerium laufen. Ich kümmere mich aus der Staatskanzlei heraus um die Gesamtstrategie und die Koordination.

Wie lautet die Gesamtstrategie?
Wir wollen, dass alle Regionen, alle Menschen in Bayern profitieren. Daher müssen wir Bayern in allen Bereichen bestmöglich auf den digitalen Wandel vorbereiten, damit Bayern auch in der digitalen Welt zu den Gewinnern zählt. Denn wir dürfen uns nichts vormachen: Durch die Digitalisierung werden die Karten für die Zukunft neu gemischt. Wir müssen Tempo machen und die digitale Welt mitgestalten, wenn wir uns im Wettbewerb behaupten, die hohe Lebensqualität erhalten und unsere Werte und unsere Traditionen auch in Zukunft wahren wollen. Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen. In Zukunft wird beispielsweise der Standort eine weniger wichtige Rolle spielen. Ob Bayerwald, Rottal, Reichenhall oder Hallertau: Der digitale Markt liegt direkt vor der Haustüre, auch im ländlichen Raum.

Wenn Sie die Menschen fragen, welche Verbesserungen sie aktuell sehen, werden sie wahrscheinlich sagen, wie toll es sei, dass sie jetzt auch auf dem Land Filme auf Netflix ansehen können. Seehofer hat damals auch gefordert, es könne nicht sein, dass wir die Datenautobahnen bauen, und darauf dann vor allem die großen Ami-Schlitten wie Google, Facebook und Co. unterwegs sind. Das nächste Google müsse aus Bayern kommen, forderte er.
Natürlich sind Plattformen wie Netflix oder Google spannend, Digitalisierung ist aber weitaus mehr. Unsere Chance in Bayern ist nicht das nächste Google, sondern die Digitalisierung in den Bereichen, die wir beherrschen –Handwerk und Industrie. Nehmen Sie etwa die großen Autohersteller wie BMW und Audi und deren Zulieferer. Für die sind die digitalen Megathemen das autonome Fahren, der elektrische Antrieb, die Zukunft der Mobilität überhaupt. Themen wie Industrie 4.0 funktionieren nur dort, wo es bereits Industrie gibt. Das ist unsere Chance, weil Bayern ein Top-Industriestandort ist. Unser Ziel ist, von der Wertschöpfungskette Mobilität, die gerade neu geordnet wird, einen möglichst großen Teil in Bayern zu behalten - denn das sind zukunftsfähige Arbeitsplätze. Große Herausforderungen, aber auch Chancen sehe ich auch für das Handwerk.

Wie sollte beispielsweise ein Malermeister sein Unternehmen digital machen? Das geht doch kaum, oder?
Im Handwerk geht es heute nicht mehr nur darum, eine Homepage zu haben. Häuser zum Beispiel werden künftig in 3D visualisiert. Innenausbau wird zur individuellen Raumgestaltung. In der digitalen Zukunft entstehen neue Möglichkeiten und Ansprüche, die auch traditionelle Berufe verändern werden. Bill Gates hat mal gesagt: Wir überschätzen die Auswirkungen der Digitalisierung in den nächsten zwei Jahren, aber wir unterschätzen völlig die Auswirkungen in den nächsten zehn Jahren. Da hat er Recht. Deshalb müssen wir jetzt die Zeit nutzen und uns vorbereiten.

Sie sind ja auch Europa-Minister - wie früher Markus Söder. Er nannte sich selbst „Bayerns Außenminister". Sie auch?
Wir Bayern sind ja tatsächlich - wie es in der Werbung heißt - in der Welt zu Hause und in Bayern daheim. Unser Wohlstand hängt auch davon ab, dass wir unsere europäischen und internationalen Beziehungen pflegen. Europa muss sich um die großen Dinge, den Rahmen kümmern. Wie wir unsere Heimat gestalten, das soll Europa aber bitte den Regionen selbst überlassen. Wir wollen ein Europa der Regionen.

Wo muss denn Europa mehr leisten?
Natürlich beim Schutz der EU-Außengrenzen und der Migration. Aber auch was den Binnenmarkt angeht, eine der Ursprungsideen Europas, gäbe es noch viel zu tun. Zum Beispiel für einen digitalen Binnenmarkt. Wenn ein Internetunternehmen in China an den Start geht, hat es sofort einen potenziellen Markt mit 1,5 Mrd. Menschen. In den USA sind es auf einen Schlag über 300 Mio. Menschen. Und in Europa sind es wegen der unterschiedlichen nationalen Regularien nur so viele, wie das jeweilige Land Einwohner hat. Dabei haben wir in Europa eigentlich 500 Mio. Menschen. Kein Wunder, dass Alibaba und Amazon in China und den USA entstanden sind. Da müssen wir besser werden, hier liegt ein enormes Potenzial.

 

(Donaukurier – Das Interview führte Alexander Kain)