Reportage

Studieren in der Region

Abi in der Tasche und was jetzt? Vor dieser Frage stehen auch dieses Jahr wieder unsere Abiturientinnen und Abiturienten in Bayern. Ist der Abi-Prüfungsstress erst mal überstanden, winkt die große Freiheit des Studentenlebens. Neue Stadt, neue Freunde, neue Wohnung. Dabei muss es nicht immer die Großstadt sein. Immer mehr junge Menschen zieht es zum Studium aufs Land.

Das kommt nicht von ungefähr. Der Freistaat hat in den letzten Jahren an 16 Standorten neue Studienangebote außerhalb von Bayerns Stadtmetropolen geschaffen. In Dualen Studiengängen können Erstsemester von Anfang an in regionalen Unternehmen Praxisluft schnuppern. Das bringt nicht nur den Studierenden viele Vorteile. Auch die Wirtschaft profitiert von dem praxisorientierten Studienangebot. Als topmoderne Einrichtungen sind die Hochschulen Innovationsmotor für die regionale Wirtschaft. So mancher Hidden Champion kann dank der Zusammenarbeit seine Spitzenposition behaupten.

An der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden ist die Regionalisierungsstrategie aufgegangen. Von den rund 6.000 Absolventinnen und Absolventen sind 80 Prozent bei Arbeitgebern im Großraum Amberg und Weiden beschäftigt und bleiben der Region als qualifizierter Nachwuchs erhalten.

 

KLEINE HOCHSCHULE – GROSSES ANGEBOT

Mit insgesamt 27 Studiengängen an den beiden Standorten Amberg und Weiden ist die OTH für viele unterschiedliche Interessengruppen attraktiv. Prof. Dr. Andrea Klug ist seit drei Jahren Präsidentin der Hochschule. Klug sieht vor allem in der Win-Win-Situation zwischen Hochschule und regionalen Unternehmen einen großen Pluspunkt: „Kleinere Hochschulen punkten mit passgenauen Angeboten, die auf regionale Bedürfnisse abgestimmt und in Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft erarbeitet wurden, wie zum Beispiel das Studium Patentingenieurwesen. Teilweise sind diese Angebote bundesweit einzigartig", sagt Klug.

Die Hochschule setzt auf Netzwerke und Kooperationen in der Region Oberpfalz. Ein ständiger Austausch mit den Unternehmen ist genauso wichtig wie mit den Schulen und den beruflichen Ausbildungsträgern vor Ort. „Hochschulen auf dem Land wie die OTH Amberg-Weiden haben sich in kurzer Zeit äußerst erfolgreich entwickelt. Sie sind die Hochschulen des sozialen Aufstiegs. Wir schaffen für die unterschiedlichen Bildungsziele, Ausbildungsniveaus und Lebenssituationen passende Studienangebote", so Klug.

Für ein möglichst breites Angebot an dualen Studiengängen hat die OTH Amberg-Weiden aktuell Kooperationsvereinbarungen mit 110 regionalen und überregionalen Partnern aus der Industrie, dem Handel und auf Behördenseite. Bayernweit einmalig ist das Projekt „Oberpfalz dual", das jungen Menschen eine berufliche Ausbildung in Kombination mit einem Hochschulstudium ermöglicht. Duale Berufsausbildung, Berufsschulbesuch und Hochschulstudium sind in diesem Modell aufeinander abgestimmt. Bildungsaufsteiger können sich in diesem Projekt ideal weiter qualifizieren.

Die OTH Amberg-Weiden hat aber auch viele Herausforderungen zu meistern. Wie etwa den demografischen Wandel und den Fachkräftebedarf. „Um diese Veränderungen anzugehen, entwickeln wir permanent Ideen, schärfen unser Profil und erschließen neue Zielgruppen. Wir wollen attraktiv bleiben und noch attraktiver werden – für Studentinnen und Studenten aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland und aus dem Ausland", sagt Klug.

In den vier Fakultäten können die Studenten unter anderem in den Zukunftsfeldern Informationstechnik, Mobilität, Gesundheit, Energie und Kommunikationstechnik wählen. Besonders beliebt sind die Studiengänge, die die aktuellen Zukunftsthemen Digitalisierung und Technologisierung aufgreifen. Mit der Umsetzung des Masterplans Bayern Digital, der vom Freistaat gefördert wird, wurden neue Bachelorstudiengänge wie zum Beispiel Industrie-4.0-Informatik und Medieninformatik eingeführt. Der neue Masterstudiengang Digital Business deckt die Schnittstelle zwischen Betriebswirtschaft und Informatik ab. Eine große Nachfrage gibt es auch nach den Angeboten im Bereich der Medizintechnik – ein Bereich, der gerade für die Versorgung im ländlichen Raum große Bedeutung hat.

 

KURZE WEGE, TOP BETREUUNG, GÜNSTIGE WOHNUNGEN INKLUSIVE

Für Studierende bedeutet ein Studium an kleineren Hochschulen vor allem mehr individuelle Betreuung und intensive Begleitung mit kurzen Kommunikationswegen. Das findet auch Julia Eberlein, die gerade ihren Bachelor im Studiengang Medienproduktion und Medientechnik am Campus Amberg abschließt. Julia kommt aus München und hat sich bewusst für ein Studium an einem kleinen Standort entschieden. Amberg spielt in ihrer Familie eine große Rolle. Die Familie mütterlicherseits kommt von dort. Wenn Julia ihre Oma besucht, werden die alten Geschichten ausgepackt. Früher war das Gelände, auf dem heute die Hochschule steht, eine Kaserne. Julias Oma stand damals oft am Zaun und beobachtete die Soldaten.

Den Zaun gibt es heute nicht mehr. Die Gebäude sind aber fast alle noch aus der alten Zeit erhalten. Auf der Wiese vor dem Hochschulgebäude tummeln sich die Studierenden. Die Vorlesungen und Seminare für heute sind geschafft. Jetzt werden die Picknickdecken zurechtgelegt und die Grills in Position gebracht. Julia schätzt es sehr, dass der Campus nicht so überlaufen ist wie an größeren Hochschulen. „Zu Vorlesungsbeginn muss man keine Angst haben auf dem Gang zu sitzen, weil man keinen Sitzplatz mehr bekommt. Und auch bei der Wahlfacheinschreibung stehen die Chancen selbst 20 Sekunden nach der Freischaltung noch gut, sein Wunschfach belegen zu können. Das sieht an großen Unis ganz anders aus." Zu den Kommilitonen findet man in dem familiären Umfeld schnell Anschluss und es entsteht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Den größten Vorteil sieht Julia in den kurzen Wegen: „Wir sind weniger Studenten und das Verhältnis zu den Professoren ist dadurch sehr gut und viel persönlicher. Man kennt sich gut und das erzeugt eine sehr lockere und entspannte Stimmung."

Neben der hohen Lehrqualität und dem Gemeinschaftssinn ist das Studentenleben an kleinen Hochschulstandorten auch einfach günstiger: „Die Wohnungssituation ist hervorragend: Es gibt sehr viele Angebote sowohl im Studentenwohnheim als auch über Privatvermietung, und das alles zu fairen Konditionen – kein Vergleich mit mancher Großstadt. Die Lebenshaltungskosten sind auch geringer. Die kurzen Entfernungen sind auch sehr angenehm. Wenn ich in Amberg bin, brauche ich weder ein Auto noch andere Verkehrsmittel, weil ich fast alles gut zu Fuß erreichen kann", erzählt Julia.

Den Praxisteil ihres dualen Studiums absolviert Julia beim Bayerischen Rundfunk, sowohl in den Semesterferien als auch im Praxissemester: „An den großen Unis sind die Praxisphasen oft nur in den Semesterferien möglich. Im Gegensatz dazu habe ich sieben Semester, wobei eines davon ein komplettes Praxissemester ist. Während meines Praxisteils habe ich schon viele Abteilungen durchlaufen, war beim Fernsehen dabei, habe Technikern über die Schulter geschaut und mit angepackt. Auch beim Hörfunk habe ich bereits einige Erfahrungen gesammelt."

Und wie sind die Pläne nach dem Bachelorabschluss? Julia hat sich noch nicht entschieden. Auf der Campuswiese brutzeln inzwischen die Würste auf den Grillrosten. Jetzt heißt es erst mal, das letzte Semester in Amberg genießen.

 

Links: Prof. Dr. Andrea Klug ist seit 2015 Präsidentin der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden. An insgesamt vier Fakultäten können sich die über 3.000 Studenten zwischen 27 Studiengängen entscheiden. Rechts: Julia Eberlein (21) studiert an der OTH Amberg-Weiden im 6. Semester Medienproduktion und Medientechnik. Ihren Praxisteil absolviert sie beim Bayerischen Rundfunk.

 

Fotos: Slider mit Hochschulgebäude - Thomas Kniess / Creative Commons Attribution; Porträtbild Prof. Dr. Klug - OTH Amberg-Weiden; Porträtbild Julia Eberlein - Julia Eberlein