Streifzug

Zum Wachsen braucht es starke Wurzeln

Heimat in aller Munde: Dabei hängt Heimat doch viel mehr davon ab, dass man sie liebt. Johanna Bittenbinder hat es sich zum Beruf gemacht, in die verschiedensten bayerischen Charaktere zu schlüpfen und sich in deren Heimatverständnis einzufühlen. Bei einem Spaziergang durch Haidhausen erklärt die bayerische Charakterdarstellerin, was Heimat für sie ist und bedeutet.

An einem sonnigen Dienstagmorgen treffen wir Johanna Bittenbinder in Haidhausen, einem beschaulichen Münchner Viertel, in dem Stadt und Land verschmelzen wie sonst kaum irgendwo. Die Straßen sind gepflastert und die Bürgersteige so breit, dass mühelos die ausladenden Marktstände darauf Platz finden. Unter einem der Bäume sitzt ein Gemüseverkäufer im Schatten und liest. Ein wenig abseits, an einem der kleinen roten Zeitungskästen der Stadt, wartet Johanna Bittenbinder. Ihr Blick wandert neugierig hin und her zwischen den Schlagzeilen der Tageszeitungen und den vorbeigehenden Menschen. Beobachtet und „Mäuserl" gespielt hat sie schon immer gerne, wie sie später erzählt: „Ich bin von Haus aus ein neugieriger Mensch. So war ich auch früher schon. Wenn ich in der Trambahn saß und da gab’s ein interessantes Gespräch, dann bin ich schon einmal eine Station weiter gefahren, als ich eigentlich sollte, weil ich noch wissen musste, wie es ausgeht."

Johanna Bittenbinder ist gebürtige Münchnerin. Aufgewachsen ist sie aber auf dem Land – genauer gesagt auf einem Aussiedlerhof bei Unterhaching. Außer Reichweite war die Stadt aber trotzdem nie. Auf dem Weg Richtung Ostbahnhof erzählt sie, wie sie hier als Kind bei ihrer Tante in einem Eisenbahnerhaus die Ferien verbringen durfte. Von dem mehrstöckigen Gebäude aus, das ihr damals wie ein Hochhaus vorkam, konnte man die Gleise und das geschäftige Treiben beobachten. Das war deutlich spannender als der Urlaub ihrer Freunde auf dem Land. Und so fühlt sie sich auch heute noch irgendwo zwischen Stadt und Land daheim: „Ich fühl mich als Bayerin – nicht unbedingt als Münchnerin, weil ich keine Städterin bin in dem Sinn, aber so richtig auf dem Land wäre auch nichts für mich. Ich brauch meine Wurzeln, aber ich brauch auch den Kontakt in die Welt raus!"

Wie wichtig es ist, irgendwo daheim sein zu können, sich wohl, geborgen und zugehörig zu fühlen, fällt heutzutage nicht selten unter den Tisch. Ungebundenheit und das Verlassen von Vertrautem werden für zeitgemäß und schick erklärt. Doch fragt man Menschen nach ihrer Heimat, verbinden die meisten damit ein starkes Gefühl – und oftmals ein sehr schönes. „Heimat bedeutet für mich nicht Abkapselung, sondern bietet erst die Chance für echte Offenheit", so sieht es Johanna Bittenbinder. „Zur Entfaltung, zum Wachsen braucht es starke Wurzeln!"

Will man dem bayerischen Lebens- und Heimatgefühl ein Motto geben, stößt man meist recht schnell auf den Leitspruch „Leben und leben lassen", dem bayerischen Dreiklang aus Selbstbewusstsein, Weltoffenheit und Großzügigkeit. Das ist auch Johanna Bittenbinder sehr wichtig. Denn Heimat besteht für sie auch darin: wie man miteinander umgeht. „Vor allem heute, wo so viele Angst haben – so eine diffuse Angst auch vor allen, die ein bisserl anders sind – da ist es besonders wichtig, dass man dem anderen zuhört, ihn wahrnimmt und dass man den Leuten zeigt, dass – so schlimm es manchmal auch zugeht auf dieser Welt – jeder von uns etwas Positives dazu tun kann. Und wenn man gut miteinander umgeht, dann geht das auch!"

Als Tochter eines Banater Schwaben weiß sie, dass Heimat nicht selbstverständlich ist: „Mein Vater ist damals in ganz jungen Jahren hierhergekommen. Hier hat’s ihm gefallen. Als er sich dann auch noch in meine Mutter verliebt hat, war klar: Da bleibt er, das wird seine neue Heimat! Er hat dann auch sofort Bayerisch gelernt. Mein Vater hat gewirkt wie ein Urbayer!" Heimat hängt also auch von den Menschen ab, von einem lebendigen Gemeinwesen. Im Großen wie im Kleinen. Johanna Bittenbinder fängt an zu schmunzeln, als sie an die Liebesgeschichte ihrer Eltern und an ihre eigene denkt: „Ich bin so froh, dass ich mich in einen Münchner verliebt habe. Mit einem Dortmunder oder so wäre das sonst echt hart geworden. Da hätte ich wohl alles probiert, um ihn davon zu überzeugen, wie schön es bei uns ist. Den hätte ich herziehen müssen!"

Heute wohnt die Schauspielerin mit ihrer Familie in Grünwald. Ihr Mann ist ebenfalls erfolgreicher Schauspieler und Musiker, ihre Tochter startet gerade als Bandleaderin durch. Weg aus Bayern wollen sie alle nicht: „Zuhause hat man am meisten Kraft. Das empfindet unsere Tochter genauso. Da bin ich sehr froh darüber. Wir sind auch echte Familienmenschen. Und wenn man die ganze Zeit in der Ferne wäre, kriegt man ja gar nichts mehr von den anderen mit." Natürlich führt sie der Beruf auch immer wieder aus Bayern hinaus. Das hilft aber auch dabei, wertzuschätzen, was man daheim hat. Kurz nach Grünwald auf dem Weg nach Deining gibt es eine kleine Anhöhe. Von dort aus eröffnet sich einem ein landschaftliches Postkarten-Panorama. „Da geht mir das Herz auf und ich merk, wie gern ich hier daheim bin. Und wenn ich dann noch die ersten Töne Bayerisch hör, da wird’s mir ganz warm." Daraufhin lacht sie wieder, denn eigentlich will sie nicht pathetisch klingen.

Dialekt hat für Johanna Bittenbinder viel mit Identität, Echtheit und Bodenständigkeit zu tun – Hochdeutsch ist für sie dagegen eher ein notwendiges Mittel, um von möglichst vielen verstanden zu werden. „Mit dem Bayerischen kann ich viel mehr so viel genauer sagen. Das geht in die Tiefe." Das spürt man auch in ihren Rollen: „Das, was ich selbst am liebsten sehe, ist das, was echt ist, das, was authentisch ist. Das freut mich immer. Und so möchte ich auch gern spielen. Ich glaube nicht, dass sich die Zuschauer freuen würden, wenn ich plötzlich recht ‚gestelzt‘ daherreden würde."

Vor allem beim Heimatfilm, dem Genre, in dem Johanna Bittenbinder zu Hause ist, ist diese Stimmigkeit entscheidend. „Beim Heimatfilm ist es wichtig, dass er verortet ist, dass der Humor und die Landschaft stimmen. Am wichtigsten aber sind die Menschen." Leider klappt das nicht immer, wie sie kritisiert. Statt „echte" Heimat darzustellen, greift man auf abgegriffene Klischees zurück: „Auch im Heimatfilm müssen die Menschen so gezeigt werden, wie sie im Leben stehen, und nicht so platt reduziert. Manchmal sind die Figuren viel zu primitiv beschrieben und zeigen nur einseitige Eigenschaften, aber keine ganze Person." Da muss dann die Schauspielerin ran, um die Rolle zu formen, zu schleifen und sie schließlich echt und glaubwürdig zu machen. Um zu verstehen, wo ihre Wurzeln liegen, muss man sich in die jeweilige Figur hineinversetzen. „Ich versuche bei jeder Rolle, die ich spiele, dass ich sie ganz zu mir hole. Das heißt, dass ich mich nicht über sie stelle; ich versuche die Person zu sein. Und ich versuche immer, möglichst nah dran zu sein an den Leuten, also eben nicht zu fragen: Wer sind die? Ich arbeite mehr von innen. Und wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, dann merkt man ja auch, wie die Leute reden, was sie beschäftigt und wer sie sind."

Egal welche Rollen Johanna Bittenbinder spielt, ob ernste oder lustige, sie spielt sie immer tief. Ihre liebsten Figuren aber sind die, die beides in sich tragen. „Wie im echten Leben halt. Tragik und Humor gehören zusammen." Mehr als die Tragik ist für sie jedoch der Humor mit der Heimat verbunden, denn Humor ist immer auch Lebensart. „Der bayerische Humor ist da besonders varreckt. Das kann man gar nicht beschreiben. Wenn man eine andere Sprache lernt, ist es auch am schwierigsten, den Humor zu verstehen. Und der bayerische Humor, der ist oft so hinten rum, so hintersinnig, und besteht ja manchmal auch nur darin, dass man manche Sachen eben nicht sagt. Humor ist immer echt. Und wenn das passt, wenn man sich auch so versteht, dann liebt man ja auch jemanden für seinen Humor." Lachend fügt sie hinzu: „Wäre sein Humor nicht gewesen, dann hätte mich mein Mann nicht so im Sturm erobert." Humor zu verstehen bedeutet also auch immer ein Stückchen daheim – und in mancher Hinsicht aus dem gleichen Holz geschnitzt – zu sein.

In einem Café in der Preysingstraße, dort wo München wirklich zum Dorf wird – mit all den Bäumen und kleinen Häuschen – und sich die Stadt genau von der Seite zeigt, die Johanna Bittenbinder so liebgewonnen hat, da endet auch unser Gespräch. Wir bitten die Schauspielerin noch, ihr Heimatgefühl in drei Worten auf den Punkt zu bringen. Lange überlegt sie und scheint uns schon fast eine Antwort schuldig zu bleiben. Dann sagt sie: „Heimatgefühl – das ist einfach ganz was Schönes. Ich genieße das, dass ich überhaupt diese Wurzeln habe schlagen dürfen …" Heimat als Möglichkeit, als Quell. Keine drei Worte, aber die eindeutig schönere Antwort.

 

Fotos: CSU-Fraktion