Interview mit MdL Dr. Gerhard Hopp

"Junge Gruppe" als Denkfabrik im Herzen Europas

HERZKAMMER:

Herr Dr. Hopp, Sie sind neuer Vorsitzender der Jungen Gruppe der CSU-Landtagsfraktion. Ein Herzensanliegen ist Ihnen auch die deutsch-tschechische Zusammenarbeit. Welche Bedeutung hat diese Partnerschaft für Europa?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Europa hat uns in über 70 Jahren Frieden, Wohlstand und Stabilität gebracht – ein Gut, das gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Hier ist meiner Überzeugung vor allem die jüngere Generation gefragt, deren Leben maßgeblich und nachhaltig von europäischen Umbrüchen beeinflusst wird. Krisen von außen, zunehmender Populismus und Nationalismus bis hin zum Austritt aus der Europäischen Union – all das sind zentrale, konkrete Herausforderungen für Europa, die uns direkt betreffen. Die bayerisch-tschechische Geschichte mitten im Herzen Europas ist das beste Beispiel, wie wertvoll die Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist. Nur in und mit Europa konnten wir unsere wechselvolle, schwierige Vergangenheit grenzüberschreitend angehen, aufarbeiten und zum Positiven wenden. Wer hätte vor einigen Jahrzehnten gedacht, dass wir nach deutscher Besatzung, dem Zweiten Weltkrieg, den Schrecken der Vertreibung und der Auseinandersetzung im Kalten Krieg uns jetzt als echte Freunde sehen und grenzüberschreitend in Wirtschaft und Kultur eng zusammenarbeiten? Dieses „gelebte Europa“ muss aber immer wieder aufs Neue erarbeitet werden. Gerade wir jüngeren Abgeordneten können sowohl beim Kontakt mit tschechischen Kolleginnen und Kollegen, bei Initiativen für Jugend- und Schüleraustausch und im politischen Kontakt einen Beitrag dazu leisten, dass unsere Beziehungen auch in Zukunft so gut sind, wie wir sie in den letzten Jahren erleben dürfen.

HERZKAMMER:

Ihre neue Aufgabe bezeichnen Sie selbst als „Denkfabrik“. Welche Projekte haben Sie sich vorgenommen?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Die Junge Gruppe muss naturgemäß über das heute und morgen hinaus- und beim einen oder anderen Thema auch querdenken. Wie schaffen wir es, dass Bayern in den Städten, aber eben auch in allen Landesteilen lebenswert und stark bleibt? Welche Aufgaben kann und soll der Staat übernehmen? Hier gilt es stets zu hinterfragen und sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Dies gilt auch für die bayerisch-tschechische Zusammenarbeit, insbesondere für die Grenzregionen. Ansätze wie die Europaregion Donau-Moldau oder die vielen bereits bestehenden Verflechtungen und Initiativen in den Bereichen Sicherheit, Bildung, Hochschulen bis hin zum Verkehr. Sie alle könnten noch stärker ausgebaut werden. Eine zentrale Rolle in der Beziehung unserer Länder nimmt die Sprachförderung ein. Hier könnten wir gute Akzente setzen. Was uns zum Beispiel derzeit noch fehlt, ist eine gemeinsame Öffentlichkeit und Medienberichterstattung. Es gibt dankenswerter Weise engagierte Berichterstatter, die über die Entwicklung im Nachbarland informieren. Einen regelmäßigen Austausch darüber, was zum Beispiel einige Kilometer weiter nach der Grenze politisch, gesellschaftlich, kulturell passiert, gibt es aber noch nicht. Eine zweisprachige, grenzüberschreitende Medienplattform könnte hier helfen.

HERZKAMMER:

Welches Vorbild haben Sie für diese Projekte?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Der Elysee-Vertrag zwischen Frankreich und Deutschland ist in der Wertigkeit für die Beziehungen ein gutes Vorbild, an dem wir uns orientieren könnten. Begeistert bin ich von der Arbeit des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, der gerade für die so wichtige Jugendarbeit viele grenzüberschreitende Projekte anstoßen und fördern kann. Menschen zusammenbringen und Austausch fördern – das ist nach wie vor die wichtigste Aufgabe.

HERZKAMMER:

Welche Projekte in grenzübergreifenden Regionen liegen Ihnen besonders am Herzen?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Die Akzeptanz von Europa steht und fällt auch damit, dass es das Leben der Menschen besser macht. Ein ganz wichtiger Schritt war beispielsweise das neue grenzüberschreitende Rettungszentrum in Furth im Wald. Damit darf beiderseits der Grenze geholfen werden, wenn Unfälle passieren. Früher mussten die Rettungskräfte quasi am Grenzübergang ihre Patienten übergeben. Gerade bei der Sicherheit hilft Europa spürbar, zum Beispiel mit der gemeinsamen Arbeit von bayerischer und tschechischer Polizei. Besonders beeindruckt hat mich in den letzten Jahren aber das ehrenamtliche Engagement bei der Geschichtsarbeit. Dass bayerische und tschechische Ehrenamtliche das „Verschwundene Dorf Untergrafenried“ gemeinsam zugänglich machen und über alle Generationen hinweg gemeinsam unsere wechselhafte Geschichte aufarbeiten, bewegt immer wieder. Unser gemeinsames Ziel muss sein, dass sich dieser Teil unserer Geschichte nie wiederholt.

HERZKAMMER:

Welche Altersgruppen machen bei den Projekten mit?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Erfreulicherweise gibt es bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und bei den Projekten eben keine Altersbeschränkung oder nur eine bestimmte Gruppe, die sich einbringt. Alle – von den Schülern bis zu den Senioren – profitieren von Europa und können es selbst gestalten.

HERZKAMMER:

Wie profitieren die bayerischen Regionen ganz konkret?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Ich bin davon überzeugt: Die Grenzöffnung 1989 und die EU-Osterweiterung 2004 waren Glücksfälle für die Grenzregionen. Warum? Wir sind vom Rand mitten ins Herz Europas gerückt. Diese Chance als Drehscheiben müssen wir gemeinsam nutzen. Nur ein Beispiel: Während Teile meines Heimatlandkreises Cham noch in den 1980er Jahren als „Kältepol der Arbeitslosigkeit“ bezeichnet wurden, weisen wir jetzt nicht nur Vollbeschäftigung auf, sondern bieten etwa 4.000 tschechischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die jeden Tag einpendeln, einen Arbeitsplatz. Mit einem Eisernen Vorhang wäre dies wohl kaum möglich gewesen.

HERZKAMMER:

Welche Vorbildfunktion haben die Grenzregionen für Europas Zukunft?

MdL Dr. GERHARD HOPP:

Leider geht die Tendenz in ganz Europa derzeit zu mehr Populismus und Nationalismus. Dieses „alleine könnten wir es besser“ ist aber nicht nur ein Trugschluss, sondern sehr gefährlich. Die Grenzregionen können hier eine wichtige Rolle übernehmen, indem gerade sie dagegenhalten und klar machen, welchen Mehrwert grenzüberschreitende Kooperation und das Zusammenwachsen Europas hat. Hier ist dann aber auch die europäische Ebene gefragt, die auf eine ausgewogene Strukturförderung setzt, die keine Ungleichgewichte in den Förderkulissen dies- und jenseits der Grenzen aufweist.