Mein Standpunkt: Bayerisch-böhmische Beziehungen

"Das Herz Europas schlägt bei uns!"

MdL Dr. Gerhard Hopp

Blickt man auf die bayerisch-böhmischen Beziehungen der vergangenen drei Jahrzehnte, so kann man durchaus von einer Erfolgsgeschichte sprechen. So ist das Zusammenwachsen von Ostbayern und Westböhmen ein historisch einmaliger Glücksfall, der zu Wohlstand, mehr Sicherheit und mehr Lebensqualität auf beiden Seiten der Grenze geführt hat. Fakt ist: Der Austausch schafft Aufschwung und Arbeitsplätze. Heute helfen beispielsweise mehr als 4.000 tschechische Arbeitskräfte jeden Tag im Landkreis Cham mit, unseren wirtschaftlichen Erfolg zu gestalten. Und das nicht in Konkurrenz zur heimischen Bevölkerung, sondern als wichtiger Baustein zu Wettbewerbsfähigkeit und Vollbeschäftigung.

Diese Entwicklung ist jedoch keineswegs selbstverständlich und hätten Generationen vor uns beiderseits des früheren „Eisernen Vorhangs“ kaum zu hoffen gewagt, waren die Beziehungen zwischen Bayern und unseren tschechischen Nachbarn lange Zeit doch belastet und geprägt von den Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der folgenden Trennung Europas, deren Nahtstelle hier bei uns im Landkreis Cham, an 72 Kilometern verlief. 

Die Grenzöffnung und die europäische Einigung ab 1989 eröffnete eine Zeit der Annäherung, wenn auch in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während sich die höheren politischen Ebenen längere Zeit insbesondere mit Blick auf historische Belastungen durch Krieg und Vertreibung schwer taten, gingen die Grenzregionen, die Kommunen und die Menschen voran und ergriffen die Chance, endlich vom Rand ins Herz des zusammenwachsenden Europas zu rücken. Mutige Unternehmer, engagierte Ehrenamtliche, Kulturschaffende und Kommunalpolitiker waren es, die die Öffnung der Grenze wörtlich nahmen und Europa mit Leben erfüllten. Mit dem historischen Besuch von Ministerpräsident Horst Seehofer 2010 in Prag, der Eröffnung der Bayerischen Repräsentanz 2014 oder der Einrichtung einer bayerisch-tschechischen Parlamentariergruppe sind die Beziehungen auch politisch in der Normalität angekommen, die in anderen Bereichen schon lange Realität ist.

Heute umfasst die Zusammenarbeit nicht nur nahezu alle Felder der Politik und der Verwaltung, sondern reicht bis in die Themengebiete Verkehr und Tourismus, Forschung und Innovation sowie Hochschulwesen. Besonders beeindruckt haben mich in den vergangenen Jahren die Kontakte mit Jugendlichen und Ehrenamtlichen. Beispielsweise zu erleben, wie bayerische und tschechische Ehrenamtliche das Verschwundene Dorf Untergrafenried zugänglich machen und gemeinsam unsere wechselhafte Geschichte aufarbeiten helfen, ist eindrucksvoller Beleg, was möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen und Grenzen überwinden.  

Nicht nur unsere Geschichte, auch aktuelle Herausforderungen wie Terrorismus, Schleuser- und Drogenkriminalität können nur gemeinsam bewältigt werden. So arbeiten wir beim Katastrophenschutz und beim Rettungsdienst eng mit unseren tschechischen Freunden zusammen, um beiderseits der Grenze Leben schützen oder gar retten zu können. Das grenzüberschreitende Rettungszentrum in Furth im Wald oder die Katastrophenschutzübung „Roter Eber“ mit 2.500 tschechischen und bayerischen Einsatzkräften im vergangenen Jahr sind dafür beste Beispiele.

Wenn wir heute von einem neuen Selbstbewusstsein des ländlichen Raumes, der Grenzregionen und unseres Landkreises Cham sprechen können, so gilt dies auch für unsere wirtschaftliche Stärke. Dass wir es vom einstigen „Kältepol der Arbeitslosigkeit“ in den 1980er Jahren zur Vollbeschäftigung mit stetig steigenden Beschäftigtenzahlen geschafft haben, wäre ohne die Grenzöffnung und die Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn undenkbar. Mein Eindruck: Wir begegnen uns auf Augenhöhe, auch wirtschaftlich. Weder auf tschechischer noch auf bayerischer Seite der Grenze fühlen wir uns als verlängerte Werkbank, sondern sind selbst Treiber von Innovation und High Tech mit Leuchttürmen wie der Kooperation des Technologiecampus Cham mit der Westböhmischen Universität Pilsen. 

So erfolgreich das europäische Friedensprojekt ist, wird es dennoch derzeit in allen Teilen des Kontinents in Frage gestellt. Das Beispiel Landkreis Cham zeigt anschaulich, welch Glücksfall die europäische Einigung für uns alle war. Ich bin daher davon überzeugt: Dafür ständig zu arbeiten und zu werben, Europa und die EU zu reformieren und zu erhalten, lohnt sich.