Geschäftsführer Kaspar Sammer im Interview

EUREGIO - ein Musterbeispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Sehr geehrter Herr Sammer, Sie sind der Geschäftsführer von EUREGIO Bayerischer Wald-Böhmerwald-Unterer Inn. Können Sie den Leserinnen und Lesern der „Deggendorfer Herzkammer“ als Erstes erklären, wie EUREGIO entstand?

Kaspar Sammer: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entschieden die ostbayerischen Landräte und Oberbürgermeister, die österreichischen Bezirkshauptleute und die ehemaligen tschechischen Landkreisgebiete und deren Landräte im Böhmerwald sich gemeinsame Statuten zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu geben. Federführend angeschoben wurde das Projekt von Straubings Altlandrat Ingo Weiß, der wie seine Kollegen erkannte, wie wichtig eine Zusammenarbeit in der Grenzregion für die Menschen ist.

 

Welche Gebiete gehören zur EUREGIO?

Kaspar Sammer: Auf der bayerischen Seite sind dies die Landkreise Cham, Regen, Freyung-Grafenau, Straubing, Deggendorf, Passau und seit 2004 das Rottal-Inn, auf der österreichischen Seite das Mühlviertel und auf der tschechischen Seite die ehemaligen Landkreisgebiete Domažlice, Klatovy, Prachatice, C. Krumlov und ein Teil von Strakonice.

 

Und was sind die Ziele von EUREGIO?

Kaspar Sammer: Hauptziel von EUREGIO ist das Zusammenwachsen der Region und die Förderung einer gemeinsamen regionalen Identität. Dafür arbeiten zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Geschäftsstelle in Freyung und unterstützten mit Dienstleistungen, um ein grenzüberschreitendes Miteinander und grenzüberschreitende Projekte zwischen Bayern, Tschechien und Österreich umzusetzen.

 

Wen unterstützen Sie konkret?

Kaspar Sammer: Wir unterstützen kleine Vereine, Gemeinden und Städte, Landkreise und natürlich auch Unternehmen und heimische Firmen, wenn sie ein grenzüberschreitendes Projekt verwirklichen wollen. Es gibt zahlreiche EU-Förderprogramme, bei denen wir als Ansprechpartner beraten und bei der Antragstellung helfen.

 

Wie unterstützt die Europäische Union diese Förderprogramme?

Kaspar Sammer: Die Förderprogramme werden überwiegend aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) der Europäischen Union finanziert. Die beiden INTERREG A Programme zu grenzüberschreitenden Zusammenarbeit Bayern-Tschechien und Bayern-Österreich sind durch den EFRE unterfüttert. Darüber hinaus gibt es das INTERREG B Programm Donauraum, das auf Projekte im großen, gemeinsamen Donauraum abzielt. Seit 2016 beraten wir bei EUREGIO auch bei solchen Vorhaben. Und schließlich beraten wir beim INTERREG Europe Programm, das in der neuen Förderperiode ab 2021 wohl in das INTERREG Innovation Programm übergehen und voraussichtlich europaweit mit einer Milliarde Euro ausgestattet werden wird.

 

Blicken die Bürgerinnen und Bürger bei diesen vielfältigen Fördermechanismen noch durch?

Kaspar Sammer: Mein Hauptanliegen ist es, das europäische Förderwesen wieder transparenter und bürgernäher zu gestalten! Alleine kann man heutzutage kaum einen Antrag auf eine Förderung stellen. Durch die Mitarbeiter bei EUREGIO konnten wir erfreulicherweise erreichen, sehr viele Fördergelder für die Region abzuschöpfen. Wir bekommen mittlerweile Nachfragen aus anderen Regionen, wie wir arbeiten. Gleichwohl gehen die aktuellen Initiativen der EU in die richtige Richtung: so soll z.B. der Kleinprojektefonds erheblich vereinfacht werden und wir können voraussichtlich in Zukunft hierbei auch mit Pauschalen arbeiten.

 

Nun interessiert unsere Leserinnen und Leser, bei welchen Projekten EUREGIO im Landkreis Deggendorf mit seiner Beratung und Expertise unterstützen konnte. Können Sie hier ein paar benennen?

Kaspar Sammer: Im Landkreis Deggendorf ist in den letzten Jahren sehr viel passiert. Alleine die TH Deggendorf hat zahlreiche Projekte umgesetzt und tut dies auch aktuell. Z.B. arbeitet sie eng mit der Westböhmischen Universität Pilsen und der Südböhmischen Universität Budweis zusammen, ebenso mit der FH Oberösterreich. Aber auch bei weiteren Projekten konnten wir helfen: So werden die Berufsschule Deggendorf I und die technische Mittelschule Budweis bei ihrer Zusammenarbeit bei der technischen Ausbildung mit 170.000 Euro unterstützt. Das Krankenhaus Deggendorf und die Universität Pilsen arbeiten eng bei der Neurorehabilitation zusammen, hier unterstützt die EU mit 611.00 Euro. „Museum Uploaded“, ein Projekt der Museen in Deggendorf und in Pìsek in Zusammenarbeit mit der Südböhmischen Universität Budweis und der THD, mit dem Ziel ein neues digitales Ausstellungssystem zu entwickeln, erhält 1,5 Millionen Euro. Und für die Realisierung einer E-Road-Pilotstrecke von Pìsek nach Deggendorf erhielten die Projektpartner 650.000 Euro.

Sehr bedeutsam sind aber auch die kleinen Projekte, die aus dem Kleinprojektefonds bis 25.000 Euro gefördert werden, denn sie bringen die Menschen zueinander, sie fördern Begegnungen. Hier wurde exemplarisch die Bayerisch-Böhmische Kulturwoche in Deggendorf unterstützt. Bei diesen Projekten gibt es übrigens immer noch Luft nach oben, die Förderung bis 2020 ist nicht gedeckelt, so dass ich Vereine und Gemeinden ermuntern möchte, für eine Förderung aus dem Kleinprojektefonds Anträge zu stellen.

 

Wo sehen Sie denn nach wie vor die meisten Hürden bei der Zusammenarbeit?

Kaspar Sammer: Kulturell haben die Menschen in allen drei Grenzregionen Ostbayern, dem Mühlviertel und dem Böhmerwald sehr viel gemeinsam, auch mit unseren tschechischen Freunden. Hauptproblem ist aber nach wie vor die harte Sprachbarriere zu Tschechien. Wir haben deshalb auch mit der Unterstützung von Herrn Staatsminister Sibler vor zwei Jahren zusammen mit dem GOETHE-Zentrum der Südböhmischen Universität Budweis das Projekt Sprachkompetenzzentrum für Deutsch und Tschechisch gestartet. In den nächsten drei Jahren werden wir mit zwei Mitarbeiterinnen im ostbayerischen Grenzraum insgesamt 160 Schulen und Kindergärten betreuen. Die Kinder erhalten ein Jahr lang dreißig Spracheinheiten in Tschechisch. Kinder, die bereits am Projekt teilnehmen, und auch deren Eltern sind begeistert. Kinder sind wissbegierig und lernen sehr schnell. Hier sollte man die Grundlage legen. Auch Schulen im Landkreis Deggendorf nahmen bereits an dem Projekt teil, darunter das Comenius Gymnasium Deggendorf, das Gymnasium Niederalteich, die Mittelschule Hengersberg, die Grundschule Lalling und die Realschule Osterhofen. Dieses Jahr sind das Robert-Koch-Gymnasium Deggendorf und die Maria-Ward-Realschule Deggendorf beteiligt.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kaspar Sammer: Gerade bei der Sprachförderung wäre es wichtig, diese dauerhaft zu institutionalisieren. Es ist sehr schade, wenn wir nach einem Jahr Tschechisch-Unterricht aus Fördergründen diesen Unterricht an einer Schule nicht mehr fortführen dürfen. Mein Endziel wäre es, Tschechisch als Wahlpflichtfach einzuführen. Niederösterreich ist ein gutes Vorbild. Unser Nachbar hat eine Sprachoffensive für Tschechisch, Slowakisch und Ungarisch gestartet mit größten Erfolgen für die Wirtschaft und die Grenzregion. Darüber hinaus können wir sicherlich noch mehr für das Zusammenwachsen der Infrastruktur tun, hier gibt es noch sehr viel aufzuholen. Gerade eine gute Infrastruktur ist für unsere heimischen Unternehmen von allergrößter Bedeutung. Besonders wichtig ist mir zudem die Identifikation unserer Menschen mit einer gemeinsamen Region. Der deutsch-niederländische Grenzraum ist beispielhaft. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Wünschenswert wären auch mehr ländliche Förderprogramme, denn nur dezentral können wir Integration, gerade in Grenzgebieten, leisten. Gleichwohl möchte ich abschließend betonen, dass ich unseren Landkreisen und kreisfreien Städten in Ostbayern sehr dankbar bin, dass sie sich vor Jahren bewusst entschieden haben, die Europakompetenz im ostbayerischen Raum zu bündeln. Diese großartige Unterstützung und das Vertrauen in uns hält nach wie vor an.

 

Bild Europahaus: © Schöfbeck/ Bild Kaspar Sammer: ©Credits: FotoArt Bauer