LEADER-Projekte vorgestellt

Wie wirkt die EU im Landkreis Deggendorf?

Ein bürokratisches Monstrum, undemokratisch und zu weit entfernt von den alltäglichen Sorgen der Bürgerinnen und Bürgern. Das wird der Europäischen Union häufig vorgeworfen. Doch ist dies wirklich so? Ich stelle Ihnen Projekte vor, die ganz konkret zum Wohle von Bürgerinnen und Bürger vor Ort wirken, hier bei uns im Landkreis Deggendorf. Ohne die Unterstützung der Europäischen Union hätten diese Projekte, die für die Menschen in ihrer jeweiligen Gemeinde und darüber hinaus einen tatsächlichen Mehrwert in ihren Alltag bringen, nicht realisiert werden können. Lesen Sie selbst:

 

Bürgersaal von Schwanenkirchen, Markt Hengersberg

Einen neuen Pfarrsaal als Versammlungsraum wünschten sich die Bürgerinnen und Bürger in Schwanenkirchen schon  lange. Nun, im April 2019, wird der neue Sankt Gotthard Saal eingeweiht. Er wird als Veranstaltungs- und Schulungsraum der Pfarrei, vom Altenclub, der Theatergruppe, der Mutter-Kind-Gruppe, dem Frauenbund, dem Gotthard Verein und als Wahllokal der Gemeinde genutzt, aber auch allen anderen Vereinen steht er offen. Der neue Gemeinschaftssaal mit Bühne, WC-Anlage und Teeküche ist wesentlicher Bestandteil der „Neuen Dorfmitte Schwanenkirchen“, er ist ein generationsübergreifender Treff für Jung und Alt und bildet den Mittelpunkt des Dorfgemeinschaftslebens in Schwanenkirchen. Etwa 60 Veranstaltungen pro Jahr finden hier statt.

35 ehrenamtliche Helfer und Helferinnen haben mitgewirkt, um den Saal in nur einem Jahr Bauzeit zu errichten. Vieles wurde in Eigenleistung erbracht. Pfarrgemeinderatsvorsitzender Josef Drasch koordinierte das Projekt, unterstützt wurde er von den Mitgliedern der Kirchenverwaltung, vom Pfarrgemeinderat und den ortsansässigen Vereinen. Der Bau mit Gesamtkosten von circa 600.000 Euro hätte ohne europäische Fördermittel nicht gestemmt werden können. 200.000 Euro flossen aus dem LEADER-Programm, dem Programm der EU für Projekte im ländlichen Raum, das aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) finanziert wird, nach Schwanenkirchen.

Bilder: © Josef Drasch
 

Generationenübergreifender Treff, Markt Metten

Der Markt Metten hat auf Initiative von erstem Bürgermeister Erhard Radlmaier einen generationenübergreifenden Treff im Rathaus von Metten geschaffen. „Es ist schön, dass so viel Leben im Rathaus ist. Jung und Alt kommen bei uns zusammen und auch mit den Mitarbeitern des Rathauses in Kontakt“, freut sich der Bürgermeister. Nach nur acht Monaten Bauzeit konnten der BRK Seniorenclub und die Gruppe des Mettener Familienprojekts „Eltern & Kinder“ die neuen Räumlichkeiten beziehen. Der BRK Seniorenclub konnte bereits zuvor einen Saal im Rathaus nutzen, allerdings war das Rathaus nicht barrierefrei. „Mit einem Lift haben wir als aller Erstes Barrierefreiheit geschaffen. Das war der Kern der Maßnahme, um älteren Menschen, aber auch Eltern mit Kindern und Kinderwägen den Zugang zu den neuen Räumlichkeiten zu ermöglichen“, berichtet Erhard Radlmaier. Der kleine Begegnungsraum für die Seniorinnen und Senioren wurde zu einem großen Versammlungsraum ausgeweitet, eine neue, größere Teeküche wurde eingebaut, die Sanitäranlagen wurden barrierefrei und behindertengerecht gestaltet. „Seither kommen noch mehr ältere Menschen zu uns. An Fasching hatten wir volles  Haus“, freut sich der Bürgermeister.

Für das Mettener Familienprojekt „Eltern & Kinder“, einer Gruppe von Kindern von null bis drei Jahren und ihren Familien unter der Leitung von Frau Inge Teichert-Sand, wurde zudem ein eigener Projektraum geschaffen. Die besondere Mettener Initiative besteht bereits seit 2011 und richtet sich an junge Familien und werdende Eltern, aber auch Großeltern und Personen, die mit der Kindererziehung betraut sind. Der Gruppe standen aber bislang keine eigenen Räumlichkeiten zur Verfügung, eine zentrale Anlaufstelle fehlte. Nun fand die Initiative im Rathaus eine neue Heimat. „Darauf sind wir besonders stolz. Die Kleinsten und die ältere Generation kommen bei uns zusammen und profitieren voneinander“, so der Bürgermeister. Der Bürgermeister, zugleich Vorsitzender der Lokalen Aktionsgruppe im Landkreis Deggendorf, welche für die Umsetzung der Leader-Projekte zuständig ist, betont, dass die Baumaßnahmen im Rathaus nur mit europäischen Fördergeldern finanziert werden konnten. Von den Gesamtkosten von rund 91.000 Euro wurden 45.000 Euro über Leader finanziert.

Titelbild und Bilder: © Markt Metten

Weitere Ideen für die Zukunft, wie einen kombinierten Bewegungsparcours und Kinderspielplatz hat Erhard Radlmaier schon im Kopf. „Warum sollen Eltern und Großeltern nicht den Bewegungsparcours nutzen und für sich was Gesundes tun, wenn sich ihre Kinder am Kinderspielplatz austoben?“, fragt er. Gemeinsam mit Marktgemeinderat, Vereinsvertretern, Kindergarten- und Schulvertretern wurde eine Auswahl der Geräte getroffen. Bei  der Auswahl der Gerätschaften wurde an Kinder, Jugendliche, Freizeitsportler und Senioren gedacht. Im Vorfeld wurden mehrere Einrichtungen, Kinderspielplätze und Bewegungsparcours im Landkreis besichtigt.

 

Inklusionsklettern in der Kletterhalle, Natternberg

Können Menschen mit Handicap klettern? Ja, das ist möglich! Nämlich seit kurzem bei uns im Landkreis in der neuen Kletterhalle in Natternberg. Die Sektion Deggendorf des Deutschen Alpenvereins (DAV) hat sich das Ziel gesetzt, Kindern und Erwachsenen mit physischem oder psychischen Handicap klettern zu ermöglichen. Die Erfolge geben der Deggendorfer Sektion Recht. Mit drei erfahrenen Trainern, die geprüfte Kletterfachqualifikationen und spezielle Fachausbildungen für Therapieklettern und Behindertenpädagogik besitzen, betreut der DAV Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Unterstützung benötigen. In der Gruppe behinderter Menschen, die bereits von den Trainerinnen und Trainern betreut werden, sind autistische Kinder ebenso vertreten wie eine blinde Frau, ein Mädchen mit einem gelähmten Arm und erheblichen Bewegungseinschränkungen oder auch mehrere Rollstuhlfahrer. „Das Schöne ist, dass sie alle über sich hinaus wachsen. Anfangs ist der eine oder andere noch etwas ängstlich oder skeptisch, aber irgendwann überwiegt die Begeisterung über das Erreichte und oftmals geht es dann hoch hinaus“, berichtet Jürgen Fröbus, der Vorsitzende der Deggendorfer Sektion des DAV. „Das Erlebnis eine Kletterwand erklommen zu haben, gibt nicht nur sehr positive Impulse für die physische Grunderkrankung, sondern auch einen enormen Motivationsschub für die Psyche – ein wahres Glücksgefühl“, so Fröbus.

In der neuen Kletterhalle in Natternberg wurden über 700 qm Seilkletterfläche und rund 300 qm Boulderfläche (Niedrigkletterbereich bis 4,50 m) für Menschen mit Handicap ausgerüstet. Dabei unterscheiden sich die Kletterwände optisch kaum von den Kletterwänden für Freizeit- und Sportkletterer, so dass die Kletterer mit Handicap nicht räumlich abgeschottet, sondern zwischen den Freizeit- und Sportkletterern klettern können. Zusätzlich wurden bei einer Kletterfläche von 325 qm Spezialräume für Kinder und Jugendliche mit Handicap geschaffen, in denen sie in Ruhe und in einer reizarmen Umgebung klettern können, wenn sie dies wollen. Dieser Raum ist im dritten Stock und wurde erst im März 2019 fertiggestellt. Auch ein Ruheraum ist angegliedert.

Physio- und Ergotherapeut Stefan Hausinger, Bärbel Neumeyer mit langjähriger Erfahrung in der Sonder-und Behindertenpädagogik und Heil- und Erziehungspädagogin Ingrid Gut unterrichten die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. „Ob in Einzel- oder Gruppenbetreuung jede Form des Kletterunterrichts nach den individuellen Bedürfnissen ist möglich“, berichtet Bärbel Neumeyer, die in der kurzen Zeit vielfach angefragt worden ist. „Aber natürlich können auch externe Gruppen, wie z.B. das Bezirksklinikum Mainkofen, welches eigene Trainer ausgebildet hat, jeder Zeit zum Klettern in die Halle kommen“, betont Neumeyer.

Bild: © DAV-Sektion Deggendorf

Um die Flächen für Inklusionsklettern auszurichten, wurden speziell geformte Klettergriffe angebracht. Es wurden flachere Wandneigungen eingebaut, die Raster zwischen den Griffen wurden verringert. In den Boulder-und Spezialräumen sind unterschiedliche Wandneigungen installiert, so dass einfacher oder schwieriger geklettert werden kann und darüber hinaus befinden sich dort rund 30 cm dicke Weichschaummatten, um Verletzungen im Falle eines Sturzes zu verhindern. Eine neigungsverstellbare Spezialwand mit unterschiedlichen Griffsystemen steht zur Verfügung. Die Kosten für diese Spezialanfertigungen waren hoch.

Entsprechend half es sehr, dass die Kosten in Höhe von 554.000 Euro mit 200.000 Euro aus Leader-Mitteln bezuschusst wurden. „Ohne die Mittel aus dem Leader-Programm, hätte das Inklusionsklettern nicht verwirklicht werden können. Zusammen mit den Spenden durch Sternstunden konnten wir das Projekt aber realisieren“, berichtet Vorsitzender Jürgen Fröbus. Die Deggendorfer Sektion hat aber auch in Zukunft noch viel vor: sie will auch bei den Außenanlagen Klettern für Menschen mit Handicap ermöglichen. Die Deggendorfer Sektion des DAV freut sich deshalb über jeden Spender.

 

Finanziert werden all die geschilderten Projekte neben lokalen, regionalen oder privaten Geldgebern wie Gemeinde, Landkreis oder Diözese vor allem durch europäische Fördermittel. Die europäischen Gelder werden über das bayerische LEADER-Programm an die jeweiligen Antragsteller verteilt. Der Freistaat Bayern unterstützt die Projekte dann zusätzlich im Rahmen der Kofinanzierung. Für den Landkreis Deggendorf stehen für die Förderperiode 2014 bis 2020 insgesamt rund 1,85 Millionen Euro Gelder  zur Verfügung. Die EU und Bayern unterstützen somit ländliche Regionen gemeinsam auf ihrem Weg einer selbstbestimmten und von Bürgern selbst festgelegten Entwicklung.