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Eltern sind die beste Medizin

Rund neun Prozent aller Babys in Deutschland kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Dank modernster Medizin werden die Überlebenschancen der Frühchen immer besser: Es überleben 80 Prozent der Babys, die schon nach 26 Wochen geboren werden, 85 Prozent von ihnen ohne größere gesundheitliche Beeinträchtigungen. Auch wenn die Zahlen Hoffnung machen – wenn ein Kind zu früh geboren wird, beginnt für die Eltern eine Zeit von Hoffen und Bangen. „Neben der medizinischen Versorgung spielt auch die richtige Betreuung der Eltern und die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung eine entscheidende Rolle“, sagt Prof. Dr. Matthias Keller, Chefarzt der Kinderklinik Dritter Orden Passau. Hier werden Frühgeborene sowie kranke Neugeborene und deren Eltern nach einem ganz besonderen Behandlungsmodell betreut. NeoPAss® heißt das europaweit einzigartige Konzept, das 2015 mit dem Bayerischen Gesundheits- und Pflegepreis für außergewöhnliche Leistungen und innovative Ideen im Gesundheits- und Pflegebereich ausgezeichnet wurde.

Prof. Dr. Matthias Keller, Chefarzt der Kinderklinik Dritter Orden Passau

Eltern-Kind-Bindung ist entscheidend für die Entwicklung

Nach dem Motto „Eltern sind die beste Medizin“ wird in der Kinderklinik Passau besonderer Wert auf die sogenannte familienintegrierende Versorgung gelegt. Das Konzept basiert auf der Erkenntnis, dass für die Versorgung von kranken Neu- und Frühgeborenen die bestmögliche medizinische Versorgung allein nicht ausreicht. „Wir wissen heute, dass die Art und Weise, wie die Eltern von Anfang an mit ihren Kindern umgehen, einen prägenden Einfluss darauf hat, wie es den Kindern und ihren Familien später geht“, erklärt Professor Keller. Studien hätten zum Beispiel gezeigt, dass frühgeborene Kinder, die direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt wurden, später häufiger Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Dabei mache es bereits einen Unterschied, ob die Mutter ihr neugeborenes Kind nach zwei oder nach sechs Stunden sieht. „Auch die Frage, ob es in einer Klinik feste Besuchszeiten gibt oder Eltern ihre Kinder rund um die Uhr sehen können, spielt eine entscheidende Rolle“, so Keller. All das berücksichtigt das Passauer Konzept.

Eltern übernehmen von Anfang an Verantwortung

„Ziel unseres Behandlungsmodells ist es, dass die Eltern von Anfang an Eltern sein können“, erklärt Keller. Dafür sorgt unter anderem ein sogenanntes Fallmanagement-Team, das sich intensiv um die Betreuung der betroffenen Familien kümmert. „Wenn eine Frühgeburt droht, bringt das das Familienbild oft ins Wanken und schon in der Schwangerschaft tauchen viele Sorgen und Fragen auf. Mütter, die bei uns aufgenommen werden, bekommen bei allen Fragen individuelle Hilfe von der Fallmanagerin und werden intensiv bis zur Entlassung begleitet.“ Außerdem übernehmen Mütter und Väter in der Kinderklinik Passau von Anfang an Verantwortung für ihr frühgeborenes Kind. Es gibt zum Beispiel ein Elterncoaching, in dem die Eltern unter anderem lernen, bei ihrem Frühchen selbst die Windeln zu wechseln. Feste Besuchszeiten kennt man in Passau nicht: „Es gibt Eltern, die bei uns wohnen und so jederzeit bei ihrem Kind sein können“, sagt Keller. Manchmal seien es Nuancen, die den Unterschied zu normalen Kinderkliniken ausmachen: „Zum Beispiel, dass der Papa bei uns den Brutkasten mit dem Frühgeborenen selbst auf die Intensivstation schieben darf. Das klingt lapidar, macht aber einen Riesen-Unterschied.“

Ziel: Medizin und Menschlichkeit optimal vereinbaren

Dass neben aller Medizin auch eine entwicklungsfördernde Pflege und eine familienintegrierende Versorgung von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von kranken Früh- und Neugeborenen ist, sei lange Zeit nicht bekannt gewesen, erklärt Professor Keller. Deshalb werde der familienintegrierenden Versorgung auch nach wie vor in vielen Kliniken nicht genug Bedeutung zugeschrieben. „Mit NeoPAss® gehören wir bundesweit zu den Vorreitern“, so Keller. Aktuell wird das Konzept auch in der Baustruktur umgesetzt: Die Klinik baut gerade eine neue Intensivstation, in der die Eltern rund um die Uhr bei ihrem frühgeborenen Kind sein können. „Innovation und technischer Fortschritt sind natürlich auch im Gesundheitswesen ganz wichtig“, sagt Keller. Dabei dürfe Innovation aber kein Selbstzweck sein, sondern müsse immer eine Verbesserung zum Ziel haben. „Für mich heißt das: die Verbesserung der Lebensqualität unserer Patienten. Das Ziel sollte immer sein, Medizin und Menschlichkeit optimal zu vereinbaren!“

Mehr Informationen zum Projekt: www.neopass.de

Bild: Kinderklinik Dritter Orden Passau
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