Im Münchner Stadtteil Haidhausen, zwischen französischen Cafés und italienischen Restaurants, riecht es auf einmal nach Holzspänen, Leinöl und Patina: Hier hat Wolfgang Löffler seine Ladenwerkstatt, in der er seit 28 Jahren Geigen baut. Ein Ort, an dem das schnelle Großstadtleben eine Pause macht. Die HERZKAMMER hat ihn besucht.
Mehrere Dutzend Streichinstrumente hängen an den Wänden und reihen sich im Verkaufsraum, den man zuerst betritt, in Regalen auf: Geigen, Bratschen, Celli. Nebenan in der Werkstatt liegen auf groben Holztischen Rohlinge, die verleimt wurden und gerade trocknen. Daneben Öllack und Terpentin und an den Wänden stapeln sich Bücher in den Regalen. Wo man hinblickt: Hobel, Stechzirkel, Klopfhölzer und Schleifpapier. Meister Eder hätte sich hier sicher wohl gefühlt.
Rund 200 Arbeitsstunden dauert es, bis ein neues Instrument entsteht. Würde sich Wolfgang Löffler nur darauf konzentrieren, wäre es innerhalb von einem Monat fertig. Da aber natürlich noch andere Bestellungen laufen, muss sich der Kunde etwa ein halbes Jahr gedulden, bis er sein Instrument in den Händen halten kann. Im Gasteig unweit der Werkstatt musizieren die Münchner Philharmoniker zwar nicht mehr, aber sie sind Stammkunden geblieben und bringen ihre Streichinstrumente zur Reparatur vorbei oder kaufen ein neues. Auch „ambitionierte und unambitionierte Laien“ gehören zu seiner Kundschaft, wie der Geigenbauer erzählt, darunter auch Kinder und Familien. Die Preisspanne reicht dabei von Geigen, die er selbst ein- und verkauft (1.000 Euro) bis hin zu 15.000 Euro für ein selbstgebautes Instrument.
Holz muss mindestens fünf Jahre lagern
Und geht er selbst in den Wald, um einen Baum für ein neues Instrument zu schlagen? Prinzipiell ja, Wolfgang Löffler sucht sich eine Fichte aus, die bestimmte Kriterien erfüllen muss: Der Baum muss groß genug sein, breit genug, mit einem möglichst großen, astfreien Stück, also langsam gewachsen. Und das Wichtigste: Er muss gerade gewachsen sein und nicht in sich verdreht. In der Regel verkauft ihn der Förster dann auch, „wenn man mit den Äuglein blinkert“, erzählt er schmunzelnd. Danach muss das Holz allerdings mindestens fünf Jahre abgelagert werden, sodass der Geigenbauer zu seinem Bestand greift – ein ordentlicher Stapel an Brettern, der in der Werkstatt bis unter die Decke reicht. Die Bretter lagern dort teilweise seit seiner Lehrzeit im oberbayerischen Mittenwald.
Das Arbeiten mit Holz ist dem Geigenbauer, der in Regensburg aufgewachsen ist, bereits seit Kindertagen vertraut. Der Opa war Schreiner, der Vater Krippenbauer, da „gab es die Vorstellung, dass man mit Werkzeugen irgendwas bearbeiten kann“. Wäre auch ein Studium eine Option gewesen? Für Löffler nicht. Obwohl er ein „ganz gutes“ Abitur gemacht hat, stand für ihn ab der 10. Klasse fest, dass er Handwerker werden wolle. Und warum dieses Handwerk? „Es ging mir um die Verbindung von Musik und Handwerk. Und ich wollte gerne mit Holz arbeiten.“
Sinnliche Auseinandersetzung mit der Welt
In der Auseinandersetzung mit dem Holz steht dabei nicht das Durchmessen im Vordergrund, Regeln aufzustellen oder Regelmäßigkeiten, sondern im Gegenteil, die Unregelmäßigkeiten in der Materie stehen im Fokus. „Jeder Baum ist anders gewachsen und da müssen wir uns eindenken und einfühlen mit allen Sinnen.“ Das Holz klinge anders beim Bearbeiten, rieche ein bisschen anders. „Wir tasten uns mit den Sinnen heran“. Daraus ergebe sich dann, wie die Wölbung zu machen sei und wie dick die Stärken zu verteilen seien. Man müsse sich von jedem einzelnen Stück leiten lassen. „Man versucht also nicht, die Natur zu beherrschen, sondern man nimmt sie einfach so an, wie sie ist.“ Schritt für Schritt entsteht so eine Beziehung zum Material, ein Einfühlen in das Holz.
Der Geigenbauer bearbeitet nicht nur Holz, sondern spielt selbst auch Instrumente: Klarinette, Gitarre und Kontrabass. Für ihn eine wichtige Voraussetzung, um eine „innere Klangvorstellung“ zu entwickeln. Eine Idee von einem bestimmten Klang, eine Vorstellung davon, wie es am Ende klingen soll: Hoch, tief, laut, leise, weich. In der Kommunikation mit dem Kunden haben sich so bestimmte Begriffe etabliert: „Brillant“ etwa, was negativ formuliert auch schrill bedeuten kann. Dann gibt es „topfig“. „Das wird eigentlich nicht gewünscht, man würde sagen, das ist ein nasaler Klang“. Nur wenige Bratscher wünschten sich einen topfigen Klang.
Arbeitet Wolfgang Löffler nicht gerade in seiner Werkstatt oder verbringt Zeit mit seinen vier Kindern, widmet er sich dem Studium der Philosophie. München ist für den Regensburger Heimat, aber auch seine Stammkneipe, die Familie oder Konzertsäle. „Wenn ich einen Ort besuche und dort findet ein klassisches Konzert statt, da fühle ich mich zu Hause. Das funktioniert für mich auf der ganzen Welt.“ Doch am meisten heimisch fühlt er sich in der Landschaft, in der er aufgewachsen ist. „Ich muss nicht immer am gleichen Fleck und Ort auf der Welt sein, aber in der Natur werden Erinnerungen wachgerufen, wo ich mich zu Hause fühle.“
Mit wenigen Worten geradeheraus
An Bayern schätzt der Geigenbauer das Naturell der Menschen, dass sie „eher wenig reden und sehr herzlich und geradeheraus sind“. Das habe eine gewisse Ehrlichkeit. Weniger reden und mehr mit den Händen arbeiten ist ihm sowieso das Liebste – außerdem würde er sich jederzeit wieder für seinen Beruf entscheiden. Dass mehr junge Menschen nach dem Abitur wie er ein Handwerk erlernen, ist ihm ein großes Anliegen. „Mit den Händen zu arbeiten hat leider keinen guten Ruf, dabei liegt es in unserer Bestimmung.“ Sollte sich sein sechsjähriger Sohn allerdings für ein Studium entscheiden, werde er ihn nicht daran hindern. Auch wenn er ihn gerne als Handwerker sehen würde. Oder vielleicht tritt er in die Fußstapfen seiner Mutter, die als Maßschneiderin arbeitet – ebenfalls in Haidhausen.