Sabine Fromm
Interview mit Prof. Dr. Sabine Fromm
"Wir brauchen analoge Kontakte"
Lesezeit: 6 Minuten

Was bedeutet Heimat für junge Menschen? Prof. Dr. Sabine Fromm von der Technischen Hochschule Nürnberg erklärt im Interview mit der HERZKAMMER, welche Voraussetzungen nötig sind, damit Jugendliche in ihrer Heimat bleiben können und was Unternehmen und Kommunen dafür tun können.

HK: Frau Prof. Fromm, junge Menschen zieht es in die Metropolen, im ländlichen Raum leben immer mehr Ältere – ist das so?

Prof. Dr. Sabine Fromm: Also nicht ganz. Insgesamt gesehen wächst die Bevölkerung auch im ländlichen Raum – und sie altert. Es gibt viele junge Leute, die sehr gerne auf dem Land leben und auch dort bleiben möchten, wenn die Bedingungen stimmen. Und es gibt auch Heimkehrer. Die Jungen, die weggehen, das sind oft sogenannte Bildungswanderer, die vor Ort entweder die Bedingungen nicht vorfinden oder – was ein sehr wichtiger Punkt ist – zu wenig darüber wissen, welche Möglichkeiten sie vor Ort hätten. 

Gibt es hier Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Wir sehen in Bayern wie in ganz Deutschland, dass mehr junge Frauen weggehen. Das hat mit Wirtschafts- und Ausbildungsstrukturen zu tun, weil junge Frauen nach wie vor andere Berufe wählen als junge Männer – im Durchschnitt. Und vor allem größere Betriebe auf dem Land sind Industriebetriebe mit entsprechendem Berufsspektrum. Das Bild verändert sich, aber grundsätzlich haben wir weniger Industriemechanikerinnen als Industriemechaniker. 

Was brauchen junge Menschen, um in ihrer Heimat zu bleiben? Wie können entsprechende Anker aussehen?

Junge Leute möchten gute Jobs und sie möchten ein gutes Wohnangebot. Sicherheit ist ein großes Thema in ganz vielen Aspekten. Das hat mich sehr überrascht. Als ich studiert habe, war Sicherheit kein Thema. Für Unternehmen ist wichtig zu wissen, dass sie keine super abgefahrenen Angebote machen müssen: Junge Leute wollen einfach Beschäftigungssicherheit. Wohnen ist auch wichtig, weil es gerade im ländlichen Raum wenige kleine Wohnungen gibt und Berufsanfänger in der Regel nicht in der Lage sind, sich gleich ein Haus zu kaufen. 

"Sehnsucht nach dem, wo man eben herkommt"

 

Sabine Fromm
Prof. Dr. Sabine Fromm
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Welche Rolle spielen hier Vereine beziehungsweise ehrenamtliches Engagement?

Wir haben festgestellt, dass junge Menschen, die in der Region bleiben wollen, viel stärker in Vereinen oder auch sonst im Ehrenamt verankert sind. Jetzt weiß man natürlich nicht, was ist Ursache, was ist Wirkung: Also sind die, die bleiben wollen, mehr in Vereinen engagiert oder bleiben diejenigen, die schon in Vereinen verankert sind? Also ist sozusagen erst der Verein da oder der Bleibewunsch? Auf jeden Fall hängt beides deutlich zusammen. Bei der Rückkehr in den ländlichen Raum spielen emotionale Aspekte eine ganz starke Rolle: Das Gefühl, dort zu Hause zu sein, Heimweh zu haben, Sehnsucht nach dem, wo man eben herkommt. 

An diesen Aspekt können doch auch kommunale Akteure anknüpfen. Was raten Sie Kommunen und Landkreisen, um ländliche Räume attraktiver für junge Menschen zu gestalten?

Kommunale Akteure sollten das Potenzial ihrer Kommunen und Landkreise nicht nur über wirtschaftliche Faktoren, sondern auch auf einer emotionalen Ebene herausarbeiten. Studierende etwa, die von weiter herkommen, bauen viele Kontakte an der Hochschule auf, beteiligen sich an Arbeitskreisen oder Freizeitaktivitäten und so weiter. Aber sie haben wenige Kontakte über die Hochschule hinaus. Hier könnte man überlegen, wie man diese jungen Leute aus der Hochschule rauslocken könnte. Vielleicht muss man auch reingehen in die Hochschulen. Die Möglichkeiten der Sozialen Medien sind hier mittlerweile sehr wichtig. Aber am Wichtigsten ist die persönliche Ansprache. Damit kommt man wirklich an Leute ran. 

„Analoge Kontakte sind wichtig“

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass es wahnsinnig viele Informationen gibt, diese aber nicht ankommen. Studierende haben zum Beispiel gesagt, sie würden sich wünschen, dass die Hochschulen und die Kommunen stärker im Bereich Wirtschaft kooperieren, im Bereich Gründungen. Da schütteln die Hochschulpräsidenten einfach nur den Kopf, weil sie das natürlich längst tun. Es gibt etablierte und sehr gut funktionierende Kooperationen. Und die Frage, auf die ich jetzt leider auch keine Antwort habe, ist, warum kommt es in den Köpfen nicht an? Man müsste nochmal über die Kommunikationswege nachdenken. Je länger ich in diesem Projekt arbeite, desto stärker bin ich davon überzeugt, dass wir analoge Kontakte brauchen, damit Informationen wirklich ankommen.  

Für Unternehmen ist diese Entwicklung ebenfalls eine Chance. Was können sie tun, um junge Mitarbeiter für sich zu gewinnen?

Es ist wichtig, dass praktische Dinge gemacht werden. Jugendliche sollten nicht nur informiert werden, sondern praktisch etwas tun können. Also etwa Blitzpraktika, bei denen sie etwas herstellen können und so Begeisterung für Technik geweckt wird. Es ist wichtig, dass alle Akteure zusammenarbeiten, also die Schulen, die Unternehmen und die Kommunen. Auch praktische Dinge sind wichtig, etwa der ÖPNV. Für Jugendliche kann es eine Hürde sein, wenn der nächste gute Betrieb 15 Kilometer entfernt und die Anbindung schlecht ist. Unternehmen könnten hier Betriebsbusse einsetzen. 

Sie sind maßgeblich am „Heimatprojekt Bayern“ beteiligt, einer umfassenden Studie – gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Finanzen und Heimat –, in der es darum geht, wie es um den sozialen Zusammenhalt in ländlichen Regionen Bayerns bestellt ist. Welche Ergebnisse haben Sie bislang überrascht?

Wir haben gefühlt einen starken Spaltungsdiskurs in der Gesellschaft. Unsere Ergebnisse gehen aber in eine ganz andere Richtung: Wir sehen stattdessen ein großes Interesse an sozialem Zusammenhalt, auch Besorgnis über den Zusammenhalt und auch viel Bereitschaft, sich einzubringen. Anders gesagt: Die Menschen denken schlechter über den sozialen Zusammenhalt als er sich darstellt. Wir haben sehr positive Werte bei sozialen Beziehungen und beim Gefühl von Zugehörigkeit.

Es gibt die Annahme, dass es überall Konflikte gibt zwischen neu Zugezogenen und den Alteingesessenen oder auch zwischen den Generationen. Davon lässt sich aber nichts belegen. Natürlich gibt es mal Konflikte, aber das ist eher punktuell. Wir haben Menschen gefragt, ob sie der Aussage, ‚Man wird nie wirklich dazugehören, wenn man nicht dort geboren ist‘, zustimmen würden. Die allermeisten haben abgelehnt, auch von den Alteingesessenen. Umgekehrt stimmen ganz viele der Aussage zu, dass derjenige dazugehört, der sich in irgendeiner Weise einbringt. Das Dazugehören ist an Handeln gebunden, man muss selber aktiv werden. 

Wie denken die Menschen in Bayern denn insgesamt über Heimat? Welche Ergebnisse gab es da im Rahmen der Studie?

Wenn ich mir unsere Daten anschaue, sehe ich, dass das Thema für die meisten Menschen wichtig ist. Nur zwei Prozent der Menschen haben gesagt, dass sie mit dem Begriff nichts anfangen können. Das Thema ist einfach zu wichtig, um es den Menschen zu überlassen, die den Heimatbegriff auf rechtsextreme Weise ausschlachten wollen. 

Da Sie sich von Berufes wegen so viel mit Heimat beschäftigen: Was bedeutet der Begriff für Sie persönlich? Haben Sie einen Lieblingsbrauch oder eine Lieblingstradition?

Ich komme eigentlich aus Oberbayern, wohne aber schon sehr lange in Franken und was mir hier besonders gefällt, ist die Kärwa-Tradition. Ich gehe da wahnsinnig gerne hin. Hier gibt es auch noch so viele kleine Brauereien, das finde ich ganz toll. 

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