Nachfolger gesucht

Das bleibt in der Familie

 

Michael Hofmann

Welche Rolle spielt Politik in Ihrer Familie?

Politik spielte in unserer Familie seit jeher eine große Rolle. Mein Großvater väterlicherseits war bereits politisch als Kreisrat aktiv. Mein Vater ist – wie viele damals – über die katholische Landjugendbewegung zur Politik gekommen. Ich war acht Jahre alt, als er in den Landtag gewählt wurde. In meinen prägenden Jahren wurde bei uns zuhause also jeden Tag über Politik gesprochen, sei es beim gemeinsamen Frühstück oder Essen, vor dem Fernseher bei den Nachrichtensendungen oder auch bei Feiern in der Verwandtschaft. Völlig selbstverständlich war, dass ich bei Anrufen zuhause, während mein Vater auswärts unterwegs war, die Bürgeranliegen mit- und die Telefonnummern aufgeschrieben habe und wann die Leute erreichbar waren. Als ich mich dann über die einfache Mitgliedschaft hinaus in der Jungen Union engagieren wollte, hat mir mein Vater eher abgeraten. Wahrscheinlich hat er befürchtet, ich würde mich zu sehr von seinem Werdegang beeinflussen lassen und wolle ihm nacheifern. Er hat’s dann irgendwann gelassen mir das Engagement auszureden. Er hat wohl gesehen, dass es mir wichtig ist und ich mit Herzblut dabei bin.

Ihr Vater vertrat von 1982 bis 2003 im Bayerischen Landtag den Stimmkreis Forchheim. Hat er Ihnen Ratschläge mit auf den Weg gegeben, als Sie in den Landtag eingezogen sind?

Nein. Er hat mir immer, auch als ich erstmals Kreisrat wurde, signalisiert, dass ich meinen Weg alleine gehen soll. Aber ich habe ihm früher in seiner Zeit als Abgeordneter natürlich sehr interessiert zugehört. Er hat im Familienkreis immer sehr offen über München gesprochen. Da habe ich unbewusst bestimmt einiges gelernt und übernommen. Wobei: Er hat mir gesagt, ich solle auf meine Familie achten. Das war für mich damals selbstverständlich. Familie und Zusammenhalt war uns beiden immer sehr wichtig und er hatte das ja auch mit 4 Kindern geschafft. Aber nach fast 4 Jahren weiß ich das als eigene besondere Leistung einzuordnen. Und der Rat hilft mir im Übrigen auch selbst bei meiner Arbeit – meine Frau und meine beiden Töchter tun mir gut, nicht nur als Rückzugsort, sondern weil sie mir ins Gedächtnis rufen, weshalb Politik wichtig ist.

Gab es auch politische Themen, über die Sie gestritten haben?

(lacht) Wer uns beide in der Diskussion beobachtet, könnte meinen, wir streiten über alles. Er wie ich können in der Ansprache sehr emotional sein. Wobei das in meinen Augen eine der wichtigsten Eigenschaften für Politiker der heutigen Zeit ist. Vieles kommt durch die Medienbeobachtung und Medienformung zu glatt und kühl rüber. Natürlich haben wir in einigen Dingen unterschiedliche Auffassungen. Das bringt schon der Altersunterschied mit sich. Aber das sind und waren eher Nuancen. In Diskussionen mit ihm sollte man einiges an Detailwissen und Zahlen parat haben, sonst gehst du unter. Das führt dann meist dazu, dass wir auf dieser Basis zur gleichen Schlussfolgerung kommen.

Hatten oder haben Sie und Ihr Vater gemeinsame politische Vorbilder?

Politische Vorbilder hatte ich eigentlich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass es gerade in der Politik wichtig ist, seinen eigenen Stil zu finden. Vorbilder sind da eher hinderlich. Politiker, die mich in meinem Denken beeinflusst haben, gab es aber sicher. Franz-Josef Strauß weniger, denn der war für mich noch zu weit weg. Aber Edmund Stoiber und Alois Glück haben mich immer beeindruckt. Der eine mit Managerqualitäten und seiner mitreißenden Art, der andere mit bodenständiger Analyse und Sachlichkeit. Als funktionierendes Tandem waren sie in meinen Augen die Architekten des erfolgreichen Bayerns der letzten Jahre. Mein Vater wurde sehr geprägt vom damaligen parlamentarischen Staatssekretär Baron Karl Theodor zu Guttenberg. Er war der für Forchheim zuständige Bundestagsabgeordnete und durch ihn kam mein Vater zur Politik. Als Vorbild hat er ihn meines Wissens aber auch nie verstanden.

Fotos: Michael Hofmann (Annekathrin Richter); Michael Hofmann mit Vater (privat)

 

Judith Gerlach

Sie sind ja in einer Politikerfamilie groß geworden. Ihr Großvater Paul Gerlach war von 1969 bis 1987 Abgeordneter im Deutschen Bundestag, Ihr Vater ist in Aschaffenburg kommunalpolitisch aktiv. Haben Sie die Politik also schon in den Genen?

Könnte man meinen, aber ich kenne es auch einfach nicht anders. In unserer Familie ist Politik ein häufiges Thema und meine Geschwister und ich haben politisches Denken quasi mit der Muttermilch bekommen.

Wenn die Familie zusammenkam, ging es da oft um politische Themen?

Auf Familienfesten wurde kaum über Politik gesprochen, da wollten wir nur gemeinsam feiern. Aber ich hatte im Zwiegespräch als Jugendliche viele politische Diskussionen mit meinem Großvater. Im Endeffekt wurde ich von CSU-Politik deshalb überzeugt, weil ich immer den konträren Standpunkt zu dem meines Großvaters einnahm, er mich aber oft mit seinen Argumenten überzeugte. Zugegeben habe ich das ihm gegenüber natürlich nicht immer.

Wie sieht Ihr Mann das politische Engagement der Familie?

Mein Mann kommt selbst aus einer politischen Familie. Sein Großvater war ein sehr beliebter und bekannter Stadtrat der CSU in Aschaffenburg und hat sich als Apotheker viel im sozialen Bereich engagiert. Weil er selbst ein politisch denkender Mensch ist, kann er mein Engagement auch gut nachvollziehen und unterstützt mich dabei.

Ihr Großvater hat Ihren Einzug ins bayerische Parlament leider nicht mehr erlebt. Wenn er Sie heute als Abgeordnete erleben würde, wäre er/würde er …

Er wäre sicherlich sehr stolz, aber er hätte auch mahnende Worte für mich übrig. Bodenständigkeit und Ehrlichkeit waren ein Markenzeichen von ihm und damit auch Maßstab für mich. Ich bedauere es sehr, dass ich mich in dieser für mich so spannenden Zeit mit ihm nicht mehr austauschen kann.

Fotos: Judith Gerlach (Annekathrin Richter); Judith Gerlach mit Vater Thomas (privat); Paul Gerlach (Deutscher Bundestag – Foto- und Bildstelle)

 

Mechthilde Wittmann

 

Ihr Vater, Dr. Fritz Wittmann, war von 1971 bis 1994 und von August 1996 bis Oktober 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Stammt von ihm Ihre Begeisterung für Politik?

Ja, eindeutig. Politik und Verantwortung als echte Herausforderung war in unserer Familie unausgesprochen immer präsent und völlig selbstverständlich. Als Kinder durften wir meist nur Nachrichten im Fernsehen anschauen – das prägt und verankert ein Gefühl von Verantwortung für Themen, die über das „Ich“ hinausgehen. Außerdem hatte mein Vater unzählige Termine, war immer „im Dienst“ und begriff sein Mandat als 24-Stunden-Job für die Menschen und als eine Ehre, dies tun zu dürfen. Das haben wir Kinder immer gespürt. Natürlich hätten wir uns mehr Zeit mit ihm gewünscht, aber wir wussten, dass sein Anspruch, für die Bürger da zu sein, einfach richtig ist. Er hat mir vorgelebt, was es heißt, seinen Beruf als Herzensaufgabe zu sehen. Dafür gilt es zu brennen und nicht nach der Uhrzeit oder eigenen Befindlichkeiten zu fragen. Seine Fußstapfen sind sehr groß.

Ein Schwerpunkt seines Wirkens war die Vertriebenenpolitik. Dieses „Erbe“ setzen Sie in Ihrer Arbeit im Landtag fort …

Ja, aus zwei Gründen: Ich bin unendlich dankbar, dass mir viele Menschen aus der Erlebnis- und Bekenntnisgeneration gerade wegen der intensiven und unermüdlichen Arbeit meines Vaters ihr Vertrauen schenken – das möchte ich, so gut ich kann, durch mein Engagement zurückgeben. Zudem drängen sich immer Bilder der damaligen Zeit vor mein Auge, wenn ich in die Heimat meines Vaters komme. Die Geschehnisse drohten dieser jungen und engagierten Generation zunächst die Zukunft zu nehmen. Das bewegt mich und ich möchte alles dafür tun, dass es ein in die Zukunft gerichtetes Miteinander gibt und eine lebendige, aber nicht belastende Vergangenheit angenommen werden kann.

Diskutieren Sie mit Ihrem Vater heute noch über Politik oder können sich an lebhafte Diskussionen in der Vergangenheit erinnern?

Beides. Oft spricht mich mein Vater auf aktuelle Ereignisse an und wir tauschen Stellungnahmen aus. Das ist dann oft schwieriger als bei „normalen“ politischen Diskussionen, denn seine Professionalität und Spitzfindung erlauben mir keine Ausflüchte. Ich erinnere mich, dass auch ich ihn oder Kollegen, die zu Besuch kamen, früher genauso „gequält“ haben mit Fragen nach aktuellen Ereignissen oder Presseberichterstattungen. Daraus haben sich oft hitzige, aber immer inhaltsschwere Diskussionen entwickelt, die mich bis heute bereichern.

Welche Ratschläge hat er Ihnen mit auf den Weg gegeben bzw. holen Sie ab und an seinen Rat ein?

Mein Vater hat auf geradezu gnadenlose Weise Wert darauf gelegt, dass man einen Beruf und eine Berufserfahrung haben sollte, bevor man in die Politik geht – damit hatte er verdammt recht! Ich bin dankbar, einen guten Beruf zu haben, der mir in der Politik Freiheiten schafft. Man ist nicht frei von der Triebfeder, Politik machen zu wollen, aber davon, dies aus existenziellen Gründen machen zu müssen. Dies war der wertvollste Rat, den er geben und mir gegenüber auch sehr heftig durchsetzen konnte. In der Tat sprechen wir auch heute noch über vieles – ich höre besonders dann zu, wenn er von sich aus einen Rat geben will. Ich selbst suche seinen Rat dann, wenn die Vorkommnisse mir ein „Verbiegen“ anraten würden und mein Charakter mir ein „Stehenbleiben“ vorgibt – dann braucht es viel Mut und Weisheit. Er ist mit seiner Intelligenz und Geradlinigkeit mein bester Ratgeber.

Fotos: Mechthilde Wittmann (Annekathrin Richter); Mechthilde Wittmann mit ihrem Vater Dr. Fritz Wittmann (privat)

 

Dr. Thomas Goppel

Ihr Vater war Bürgermeister, Landtagsabgeordneter, Staatssekretär, bayerischer Innenminister, der am längsten amtierende bayerische Ministerpräsident und zuletzt politisch aktiv im Europaparlament – wie hat sich diese außerordentliche politische Karriere auf das Familienleben ausgewirkt?

Am besten beantwortet Ihre Frage eine vor mehr als 60 Jahren in der Grundschule gestellte Frage der Lehrerin an meinen „kleinen“ Bruder Christoph: Gefragt war, „ob der Vater in der Familie lebe.“ Christophs Antwort: „Nein!“ Von der Mutter zur Rede gestellt, ergänzte der Jüngste aus dem Brüderkreis seine Wahrnehmung der familiären Situation so: „Ei, der kommt ja nur ab und zu zum Schlafen heim!“ Die Auskunft ändert nichts daran, dass wir dank der mütterlichen Meisterleistung bei der Erziehung ihrer fünf Söhne drei Einsichten schon frühzeitig verinnerlicht haben: Vater und Mutter sind für uns eine Einheit, nicht nur im erzieherischen Alltag. Der Vater ist für den Ernstfall da, der hoffentlich nie eintritt (auch fast nie wirklich eingetreten ist). Die Mutter richtet das, was ansteht, alles so, dass es der tatsächlichen Mannschaft taugt.

Sie sind das einzige Kind, das sich auch für eine politische Karriere entschieden hat. Was hat Sie an Politik fasziniert und wie geht man mit den großen Fußstapfen des Vaters um?

Meine vier Brüder dürfte die Tatsache abgeschreckt haben, dass der elterliche Einsatz (in der Ministerpräsidentenzeit war die Mutter genauso gefordert wie der Chef des Hauses) alle die sonst bekannten Möglichkeiten eines funktionierenden Familienlebens als Wunschdenken präsentiert sieht. Mich hat es fasziniert, dass und wie sehr die Eltern (ohne die Mutter war der Vater im höchsten Staatsamt nicht zu denken) für alle und alles neben einem denkbereiten Kopf auch ein einsatzfreudiges Herz hatten. Solche Einsatzfreude macht Laune und Lust!

Hat Ihr Vater die Familie bei persönlichen oder politischen Entscheidungen miteinbezogen?

Die Familie war für meine Eltern (beide!) das eine, die Politik das andere. Zwar haben wir viele politische Entwicklungen daheim diskutiert. Entscheidungen, die anstanden und politischen Charakter hatten, behielten die Eltern weitgehend für sich, haben uns am Meinungsbildungsprozess eher unbemerkt teilhaben lassen. Politisch gesehen wuchsen wir weitgehend unbekümmert auf. Allerdings: An den insgesamt vielen Wahlabenden, die über unser Familienschicksal mit entschieden, waren wir alle mindestens so nervös wie die Eltern.

Haben Sie sich auch Ratschläge bei Ihrem Vater geholt?

„Ratschläge vom Vater“, den Vorgang hat es in unserem Umgang miteinander so gut wie nicht gegeben. Ein halbes Dutzend Empfehlungen über die Einordnung von Menschen, die uns beiden in der Politik begegneten, habe ich aufmerksam gehört und leider nicht in jedem Fall befolgt. Aber da gilt ja der alte Grundsatz: Auch schlechte Erfahrungen muss man gelegentlich selber machen! Manches Mal waren wir auch sehr wohl unterschiedlicher Auffassung, ich zum Beispiel bei den Richtlinien für die Gebietsreform!

Welche Eigenschaft haben Sie an Ihrem Vater besonders bewundert und welche an Ihrer Mutter?

Mein Vater lebte seinen Lebensgrundsatz: „Tue recht und scheue niemand!“ Er tat es vorbildlich – jahraus, jahrein! Von ihm weitgehend unbemerkt haben wir Söhne das gelegentlich überprüft, ihn aber nie bei einem Verstoß überrascht. Meine Mutter war nicht nur ein großes Organisationstalent, sondern auch das ruhende Zentrum der Familie auch dann, wenn sie in unser aller Lebenslauf da oder dort Unruhe zu stiften verpflichtet war. Beide gehen mir bis heute nicht selten ab.

Fotos: Dr. Thomas Goppel (Annekathrin Richter); Dr. Thomas Goppel mit seinem Vater Dr. Alfons Goppel (privat)