Innovation in der Region

Die Hochschule Deggendorf: Motor für Innovation

Sehr geehrter Herr Präsident der TH Deggendorf, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Sperber, das Online-Magazin der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, die „Herzkammer“, widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe dem Thema „Innovation“. Inwiefern ist die Technische Hochschule Deggendorf (THD) ein Innovationsmotor?

Prof. Dr. Sperber: Jede Hochschule ist ein Innovationsmotor für die jeweilige Region, da über eine Hochschule viele junge und gut ausgebildete Personen in eine Region kommen. In einer Gesellschaft sind dies die Personen mit dem größten Potential für neue Ideen und Innovationen. Die THD geht hier aber noch deutlich weiter: In ihrer jungen Historie seit ihrer Gründung 1994 hat sich die THD zum innovativen Vorreiter in der Hochschullandschaft entwickelt. Mit ihren Forschungscampus und Außenstellen gehört sie zu den aufstrebendsten Hochschulen im süddeutschen Raum. In Lehre, Weiterbildung und angewandter Forschung sind wir Vorreiter. Wichtige Themen in der Weiterbildung sind das Innovationsmanagement und die Umsetzung von Ideen in marktfähige Produkte, in der angewandten Forschung unterstützen wir regionale Firmen bei der Entwicklung neuer Produkte und Technologien.

 

Die TH Deggendorf leistet Pionierarbeit bei der Eröffnung von sogenannten Technologietransferzentren. Sechs Technologie Campus (TC) und zwei Gesundheitscampus sind mittlerweile bei der Technischen Hochschule Deggendorf angesiedelt. Wie kam es dazu, dass die THD eine Vorreiterrolle einnimmt?

Prof. Dr. Sperber: Wir haben uns als junge Hochschule von Anfang an in der Verantwortung für die Region gesehen und unsere neuen, gut ausgestatteten Labore für Partner aus der Wirtschaft geöffnet. Dieses Angebot wurde speziell vom regionalen Mittelstand sehr gut angenommen. Einige Forschungsgruppen waren in ihrer Kooperation mit der Industrie sehr schnell erfolgreich. Da alle Labore an der Hochschule auch für die Lehre eingesetzt werden mussten, gab es in diesen, von der Industrie stark nachgefragten Laboren, bald einen Konflikt zwischen industrieller Forschung und Lehrbetrieb. Wir haben daher seit 2006 davon „geträumt“, eigene Räumlichkeiten, Ausstattung und Personal zu haben, um noch zielgerichteter für die regionale Industrie arbeiten zu können. Als die Idee eines Transrapids in Bayern aufgegeben wurde, hat die Staatsregierung glücklicherweise beschlossen, die freiwerdenden Mittel für Innovationsprojekte einzusetzen. Die Hochschulen durften Vorschläge machen und wir haben unseren „Traum“ aufgegriffen und mehrere Technologie Campus in der Region vorgeschlagen. Wir sind damit ganz bewusst in die Region zu den Firmen gegangen und wollten einen Beitrag zur wirtschaftlichen und strukturellen Weiterentwicklung des ländlichen Raums leisten. Wir sind sehr froh, dass diese Idee von der Staatsregierung aufgegriffen wurde und so ein Leuchtturmprojekt und ein gelungenes Beispiel für die Entwicklung ländlicher Räume geworden ist.

 

Der Freistaat Bayern hat in der Anlaufphase die Laborausstattung und eine Anschubfinanzierung für Personal gewährt, nach positiver Evaluierung erhalten die Technologietransferzentren eine staatliche Grundfinanzierung. Wie wichtig ist das Engagement des Freistaats?

Prof. Dr. Sperber: Ohne dieses Engagement hätten wir die Idee nicht umsetzen können. An einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften wird Ausstattung und Personal ausschließlich für Lehre finanziert und muss auch hauptsächlich dafür eingesetzt werden. Für die Technologie Campus benötigten wir neue, moderne Ausstattung und entsprechend qualifizierte Mitarbeiter, die alleine für Industriekooperationen eingesetzt werden. Natürlich bezahlt der Industriepartner danach jede Leistung des Campus entweder direkt oder über öffentlich geförderte Forschungsprojekte, aber zunächst mussten wir Ausstattung und Personal aufbauen, um diese Leistungen anbieten zu können. Nach der Anschubfinanzierung muss sich ein Campus dann aus den Einnahmen aus den Forschungsprojekten selbst tragen. Genau dies wird bei der Evaluierung überprüft und nur bei positivem Ergebnis übernimmt der Staat dauerhaft die Kosten für die Miete des Gebäudes. Ohne diese Übernahme hätten auch extrem erfolgreiche Campus wieder schließen müssen, da in öffentlich geförderten Verbundforschungsprojekten mit der Industrie immer vorausgesetzt wird, dass die Räumlichkeiten einer Hochschule vom Staat finanziert werden.

 

Inwiefern geben die Technologie Campus Impulse für die Region?

Prof. Dr. Sperber: Die Schaffung von Technologie Campus ist ein Modellbeispiel für eine gelungene Kombination von Wissenschaftspolitik, Strukturförderung und Wirtschaftspolitik. Durch die Magnetwirkung für innovative Technologien und Firmen besteht auch die einmalige Möglichkeit, die Überalterungs- und Abwanderungstendenzen in der Region umzukehren und eine prosperierende Region zu entwickeln. Der Aufbau von Technologie Campus hat schon jetzt nachweislich eine positive Wirkung auf unsere Region:

  • Im Bayerischen Wald liegt der Anteil von Kindern, die eine akademische Ausbildung anstreben, immer noch deutlich unter dem bayerischen Durchschnitt. Ein wichtiger Grund dafür ist der hohe Anteil von Haushalten ohne akademischen Hintergrund, in denen die Kinder nicht zu einem Studium animiert werden bzw. in denen sogar ein gewisser Vorbehalt gegenüber einer akademischen Ausbildung gelebt wird. Durch den Betrieb der Technologiezentren in der Region und speziell durch die vielen öffentlichkeitswirksamen Aktionen und die Offenheit gegenüber der Bevölkerung (Tag der offenen Tür, Nacht der Technik, Italienischer Abend mit Bewirtung, etc.) werden diese Hürden abgebaut, die Bevölkerung erfährt, dass Hochschulen keine Elfenbeintürme für lebensferne Wissenschaftler sind - eine akademische Ausbildung wird daher sowohl von den Eltern als auch von den Kindern stärker als Option wahrgenommen. Die extrem positive Entwicklung der Studierendenzahlen in Deggendorf (höchste Steigerungsraten in Bayern in den letzten Jahren) ist sicher unter anderem auf diesen Effekt zurückzuführen.
  • Der Einfluss auf die demographische Entwicklung ist natürlich bei einer solchen – erst vor wenigen Jahren begonnenen und immer noch im Aufbau befindlichen – Initiative nur schwer quantitativ messbar. Bei den „ältesten“ existierenden Zentren (Technologie Campus Teisnach und Technologie Campus Freyung) gibt es aber bereits jetzt deutliche Hinweise auf eine außerordentlich positive Entwicklung: Wegen des großen Zuspruchs der Industrie hat sich die Anzahl der Mitarbeiter von den geplanten 10 auf jeweils ca. 20-40 erhöht. Wichtiger für die wirtschaftliche, strukturelle und demographische Entwicklung ist sicher die Anzahl der Neuansiedlungen technologisch interessanter Firmen um die Zentren und die damit einhergehende Schaffung neuer Arbeitsplätze für hochqualifizierte junge Mitarbeiter in der strukturschwachen Region. So sind z.B. in Teisnach (2800 Einwohner) um die Hochschule herum bereits jetzt über 350 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden, die im Campus gelegenen Gewerbeflächen wurden 2013 um weitere 6000 qm erweitert, 2014 und 2016 kamen ebenfalls neue Gebäude dazu.
  • Die interdisziplinären Forschungszentren bewirken durch die Übernahme von speziellen Entwicklungs-, Produktions- und Messaufgaben in einem professionellen Umfeld eine signifikante Stärkung der regionalen Industrie. Sie sind auch Keimzelle für innovative Gründungen und tragen damit zum Strukturwandel in der Region hin zum Technologiestandort bei.
  • Ein Punkt, der für lokale Firmen enorm wichtig ist, ist die Möglichkeit, dass Studierende ihr Praxissemester bzw. während ihre Abschlussarbeiten an den Verbundforschungsprojekten in den Technologie Campus durchführen können und damit in den direkten Kontakt mit den regionalen Firmen kommen. Obwohl viele Firmen in der Region in ihren Nischen Weltmarktführer sind, haben sie wegen des fehlenden Technologieimages der Region große Schwierigkeiten bei der Gewinnung qualifizierten Nachwuchses. Durch die Verlagerung der praktischen Ausbildung im Praxissemester bzw. während der Abschlussarbeiten in die TC lernen die Studenten in den Projektarbeiten die Qualität und Vielfalt der regionalen Wirtschaft kennen und werden direkt an die entsprechenden Firmen herangeführt. Neben der Bedeutung für die Firmen hat dieser Teil des Konzepts auch eine wichtige positive Auswirkung auf die bisher sehr problematisch eingeschätzte demographische Entwicklung der Region.