Innovation in der Region

Erfolge und Herausforderungen der Technologie Campus

Sehr geehrter Herr Prof. Sperber, im dritten Teil des Gesprächs möchten wir mehr über die Erfolge und Herausforderungen der Technologie Campus (TC) erfahren. Was war denn aus Ihrer Sicht bislang der größte Erfolg eines Transfers aus der Wissenschaft in die Wirtschaft auf Basis der Forschungsarbeit eines Campus?

Prof. Dr. Sperber: Das ist eine sehr schwierige Frage. Jeder unserer Partner und auch jeder Campus würde das unterschiedlich beantworten. Ich möchte daher ein Projekt nennen, an dem insgesamt vier Campus – nämlich Freyung, Grafenau, Teisnach und Cham – mitgearbeitet haben, ein Projekt das auch die Region nachhaltig geprägt hat, das inzwischen bundesweite Aufmerksamkeit erfährt und aus dem auch eine Firmengründung hervorgegangen ist: das Projekt E-WALD.

Wegen dieses Projekts ist die Region Donau-Wald derzeit bundesweit führend im Bereich Elektromobilität - und zwar im wichtigsten Zukunftsbereich Mobilitätssysteme. Mit dem Projekt E-WALD hat die Region Donau-Wald das erreicht, was in Deutschland in den nächsten Jahren erst aufgebaut werden muss: Ein flächendeckendes, für alle Nutzer offenes Netz von Ladestationen, ein ausgefeiltes Roamingsystem, mit dem jeder Besitzer einer europäischen Ladekarte die Infrastruktur nutzen kann, ein breites Angebot an Elektrofahrzeugen als Car-Sharing-Fahrzeuge, als Gemeindeautos und als Leasingfahrzeuge, um so auch in einer Flächenregion den Schritt vom "Auto besitzen" hin zu "Mobilität nutzen" zu machen. Die Region kann man damit schon jetzt erleben, was in den nächsten zehn Jahren bundesweit kommen wird. Die ganze Entwicklung ist aus einer Idee von Ministerpräsident Seehofer entstanden, der 2010 die Elektromobilität in Bayern über drei Modellvorhaben massiv anschieben wollte. Von den drei damals ausgewählten Modellvorhaben konnte sich nur E-WALD nachhaltig etablieren.

Im Rahmen des Modellvorhabens wurde die E-WALD GmbH gegründet, sie ist inzwischen als Deutschlands größter Systemanbieter für Elektromobilität und Ladeinfrastruktur bundesweit unterwegs, selbst in Rügen stehen inzwischen E-WALD Ladestationen und fahren E-WALD Autos. Die GmbH bietet moderne Elektrofahrzeuge an und hat Lösungen für alle Einsatzzwecke. Hierdurch bieten sich Chancen für Kommunen und Betriebe, auf das innovative Unternehmen zu bauen und von Wertschöpfungspotentialen zu profitieren.

Ebenfalls außergewöhnlich ist, dass die E-WALD GmbH während der geförderten Projektphase als kommunale GmbH mehrheitlich von Kommunen und Landkreisen getragen wurde. Wir sind derzeit in der "Privatisierungsphase" d.h. private Investoren übernehmen derzeit Zug um Zug die Anteile der öffentlichen Gesellschafter, bringen eigenes Geld in die GmbH ein und legen so die Basis für eine Ausweitung der Geschäftstätigkeit auf den gesamten zentraleuropäischen Raum. Die Idee des Ministerpräsidenten aus 2010 hat daher eine gute Chance, die Mobilität der Zukunft in ganz Europa zu prägen.

 

Kann man bisherige Erfolge der Technologie Campus in Zahlen ausdrücken?

Prof. Dr. Sperber: Alle Forschungsprojekte in den TC werden in Kooperation mit einem oder mehreren Industrieunternehmen durchgeführt. Es ist daher davon auszugehen, dass jedes Forschungsprojekt einen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der Partner hat, das lässt sich aber nicht so einfach in Zahlen ausdrücken. Jeder Campus liefert pro Jahr Forschungsleistung im Wert von mindestens einer Million Euro an seine Partner. Das ist sicherlich eine signifikante Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft. Vielleicht noch eine interessante Zahl: Alleine seit 1.6.2016 haben wir Zuwendungsbescheide über 12 Mio. Euro für Verbundforschungsprojekte mit der Industrie bekommen. Bei den Forschungseinnahmen pro Professor ist die THD damit absolut Spitze in Bayern. Auch das ist ein Effekt der Technologiecampus.

 

An welchen Stellen sehen Sie bei der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis noch Verbesserungspotential?

Prof. Dr. Sperber: Ich denke, auf Seiten der Hochschulen wird schon sehr viel getan, um wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen mit Partnerfirmen in die Praxis umzusetzen. Da alle Forschungsprojekte im Verbund mit der Wirtschaft durchgeführt werden, ist der Transfer in die Praxis immer gegeben. Verbesserungspotential sehe ich jedoch noch an zwei Punkten:

  • Es ist wichtig, den Übergang von einem Forschungsergebnis hin zu einem marktreifen Produkt zu beschleunigen. Hier können wir viel von den USA lernen, dort werden Produkte auf den Markt gebracht, auch wenn sie noch nicht zu 150% perfekt sind. Wichtig ist nicht die Perfektion, sondern die Akzeptanz durch den Markt. Wir bieten daher seit ein paar Jahren das sogenannte „Silicon Valley Program“ an. In dem Programm wird in enger Kooperation mit Partnern aus dem Silicon Valley genau dieses Denken trainiert.
  • Der zweite Punkt mit noch viel mehr Potential ist die Entwicklung einer stärkeren Gründerszene aus den Hochschulen heraus. Ich sehe immer wieder, dass Studierende in Projekten und Innovationstraining tolle Ideen entwickeln, die durchaus die Chance hätten, auf dem Markt zu bestehen. Allerdings besteht bei den Studierendengruppen nur in den seltensten Fällen Interesse, sich mit dieser Idee selbstständig zu machen. Wir beginnen inzwischen innerhalb der Hochschule, solche Gruppen zu beraten, zu fördern und sie auf eine Gründung vorzubereiten. Ein wichtiger Schritt ist hier ebenfalls der vor kurzem begonnene Aufbau von digitalen Gründerzentren, unter anderem auch in Deggendorf. Aber hier sind wir erst am Anfang des Weges, es fehlt die gesellschaftliche Akzeptanz des Scheiterns und es fehlt an richtigen Wagniskapitalgebern, die frühzeitig in Ideen einsteigen und von vornherein akzeptieren, dass nur 10-20% der Ideen zum Erfolg führen, diese Erfolge aber die gescheiterten Investitionen leicht kompensieren.