Inklusion

Gemeinsam hoch hinaus

„Immer die Mutigen" heißt ein Song der Popband Silbermond, in dem es darum geht, dass man Mut haben muss, um etwas zu erleben. Wenn Isabelle die Wand hochklettert, singt sie dieses Lied vor sich hin, Meter für Meter, bei jedem Fußwechsel. „An der Wand gibt es keine Grenzen für mich", sagt die junge Frau, nachdem sie von Bettina, einer ehrenamtlichen Helferin des Vereins, wieder abgeseilt worden ist. Die Acht-Meter-Wand hat sie heute schon geschafft.

Am Boden überwindet Isabell die Grenzen mit ihrem Rollstuhl. Zu Fuß gehen kann sie nur sehr langsam und mit Unterstützung. „Jeder bringt sein individuelles Päckchen mit in den Verein", erklärt Projektleiterin Katrin. Das können körperliche oder kognitive Beeinträchtigungen sein, Epilepsie, Multiple Sklerose oder Autismus. Für die Teilnehmer spiele es aber keine Rolle, ob jemand eine Behinderung habe oder nicht. „Beim Klettern verschwimmen die Grenzen, wer betreut und wer betreut werden muss."

„Wenn jemand was geschafft hat, jubeln alle!"

Isabelles Gruppe ist eine von zwölf Gruppen im Verein, die sich etwa alle zwei Wochen im DAV Kletter- und Boulderzentrum in Thalkirchen trifft. Mittlerweile ist eine feste Gruppe aus Kletterern mit und ohne Handicap entstanden, die auch mal über das Klettern hinaus gemeinsam etwas unternehmen. „Das ist ein bisschen wie eine Familie, man kennt sich", erklärt Trainerin Chrissi, die die Gruppe seit Jahren betreut. Es gehe nicht darum, sich zu vergleichen. Jeder in der Gruppe wisse, wie es ist, seine Ängste zu überwinden. „Wenn jemand was geschafft hat, dann jubeln alle."

An der Kletterwand: Isabelle zusammen mit Bettina, ehrenamtliche Helferin des Vereins.

 

Sicherungsgeräte, Seile, Schuhe und Gurte sind Sachspenden des Vereins, die den Kletterern zur Verfügung stehen und im Thalkirchner Kletterzentrum fest eingelagert sind. Das jüngste Mitglied beim IWDR ist sechs Jahre alt, die älteste Kletterin hat vor kurzem mit 83 Jahren aufgehört. Sie hatte nach einem Schlaganfall jahrelang von den positiven Effekten des Sports profitiert. „Gerade die Nachfrage bei Kindergruppen ist sehr hoch", erklärt Projektleiterin Katrin. Der Klettersport könne das Fortschreiten einer Behinderung positiv beeinflussen. „Klettern stärkt das Selbstvertrauen, man nimmt diese Erfahrung mit in den Alltag", erzählt sie.

Wenn es mal ein bisschen lauter wird, zieht Luis sich gerne auf die Schaukel zurück. Der 26-Jährige ist der Sohn von Ursula Mayer, genannt Ursel, die zum Vorstand des Vereins und neben Alexander und Thomas Huber („Huber Buam") zu den langjährigen Unterstützern gehört. Sich zu konzentrieren fällt ihm schwer, doch wenn er jemanden sichert, ist er voll bei der Sache – auch wenn Trainerin Chrissi für den doppelten Boden das Seil in der sogenannten Hintersicherung ebenfalls hält. „Luis muss sich hier anstrengen, er ist hier viel präsenter und kommuniziert auch anders", erklärt Ursel. Die Klettergruppe ist für ihn eine der wenigen Möglichkeiten, Zeit mit nichtbehinderten Menschen zu verbringen. „Sonst hat er nur andere Behinderte und Betreuer um sich", so seine Mutter.

Lernen, auch mal loszulassen

Auch Anna, Luis kleine Schwester, profitiert von den positiven Effekten des Kletterns. Als kleines Kind war für sie ihr großer Bruder trotz seiner Behinderungen normal, schwierig wurde es dann, als sie im Kindergarten mit dem Misstrauen der anderen Kinder konfrontiert wurde. „Mama, man darf nie auffallen, oder?", fragte sie zu der Zeit ihre Mutter. Die heute 23-Jährige hat beim Klettern über die Jahre wieder lernen müssen, auch mal loszulassen und zu vertrauen. „Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Kinder lernen, mit Behinderungen umzugehen", erklärt Ursel.

Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit zu geben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen – diese Idee hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel überzeugt. Anfang Juni ehrte die Kanzlerin als Schirmherrin sieben soziale Initiativen im Rahmen von „startsocial", darunter den Verein IWDR. Der Wettbewerb zeichnet bundesweit herausragendes ehrenamtliches Engagement aus.

Eine zweite Route nimmt Isabelle heute nicht, die Kniescheibe tut ihr weh. Klettern ist trotzdem ihr Lieblingshobby, obwohl sie sich auch für Parasailing begeistern kann und selbst schon einmal in einem steuerbaren Fallschirm hinter einem Boot geflogen ist. „Nur richtig Fliegen ist schöner, sonst nix", schwärmt sie.

Fotos: Annekathrin Richter
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