Porträt

„Die Welt braucht Spinner wie uns!“

Die Gruppe, die angeregt plaudernd im Hinterraum eines Münchener Wirtshauses sitzt, könnte ungleicher kaum sein: Ein älterer Herr im Anzug neben einer jungen Schülerin im sportlichen Kapuzenpulli, daneben einige Frauen und Männer mittleren Alters. Einige haben Papiere mit Skizzen oder Entwürfen vor sich ausgebreitet, eine ältere Dame holt gerade eine bunt verzierte Steckdosen-Leiste aus ihrer Handtasche und zeigt sie dem interessierten Sitznachbarn. Was für Beobachter auf den ersten Blick kurios anmutet, ist Alltag beim Stammtisch des Erfinderclubs „Pionier e.V.“

Tipps auf dem Weg von der ersten Skizze zum patentierten Produkt

„Von Schülern bis Professoren, von Angestellten über Freiberufler bis zu Rentnern ist bei uns alles dabei und unsere Mitglieder haben ganz unterschiedliche Berufe“, sagt Karl-Heinz Gnan, der im Erfinderclub für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. 32 Mitglieder hat der 2004 gegründete Verein. In regelmäßigen Treffen tauschen sie ihre Ideen aus, geben sich Tipps und Ratschläge auf dem langen Weg von der ersten Bleistift-Skizze bis zum patentierten Produkt. „Für Einzelerfinder, die nicht die Unterstützung eines großen Konzerns hinter sich haben, ist es wichtig, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und von den Erfahrungen und dem Wissen der Erfinderkollegen zu profitieren“, sagt Gnan. Leider erführen Erfinder in Deutschland nur selten die Wertschätzung, die ihnen und ihren Ideen eigentlich zukommen sollte. Im Erfinderclub sei das anders: „Bei uns ist jeder willkommen, ganz egal, welche Idee er hat – und sei sie auf den ersten Blick noch so skurril.“ Wie die Idee der 75-jährigen Dorothee Eisenkolb, die heute zum ersten Mal beim Erfinder-Stammtisch dabei ist. Sie war die langweiligen, schwarzen Steckdosen-Leisten satt, wie sie in etlichen Haushalten verwendet werden. Also griff sie zu Farbe und Pinsel und verwandelte die tristen Leisten in bunte Kunstwerke. „Keine Ahnung, ob es für so etwas einen Markt gibt“, sagt die ehemalige Hauswirtschafts-Meisterin. „Aber toll wäre es schon, wenn es die Dorothee-Stecker irgendwann zu kaufen gäbe.“

Vom alternativen Antriebskonzept bis zum innovativen Sportgerät

Dass es bei den Erfindungen der Münchner „Pioniere“ längst nicht nur um kuriose Spielereien geht, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: 2008 präsentierte der Verein auf der internationalen Erfindermesse IENA in Nürnberg sechs Erfindungen, von denen gleich fünf mit einer Medaille prämiert wurden, darunter alternative Motor- und Antriebskonzepte ebenso wie innovative Haushalts- und Sportgeräte. „Erfinder wie wir sind wichtig für die heimische Wirtschaft“, sagt Karl-Heinz Gnan. Der pensionierte Groß- und Einzelhandelskaufmann ist schon ein alter Hase in Sachen Erfindungen. Eine seiner Ideen sind „intelligente Fenster“, die sich im Dunkeln von innen beleuchten lassen. Das Patent wurde schon erteilt, gerade wartet er auf einen Investor. „Ohne Geld“, sagt Gnan, „geht als Erfinder leider gar nichts.“ Das weiß auch Gerd Voigt. Der 55-Jährige hat sich vor einigen Jahren „Knickfix“ patentieren lassen, ein Stahlband von der Rolle, mit dessen Hilfe man die unter- schiedlichsten Dinge unkompliziert an Oberflächen aller Art aufhängen und befestigen kann. Eine praktische Idee, die aber bisher noch niemand finanziell unterstützen wollte. „Als Erfinder braucht man viel Geduld, Sitzfleisch und vor allem eine Menge Geld“, sagt Voigt. Allein die Patent-Anmeldung sei eine kostspielige Angelegenheit. Dabei sei gerade die so wichtig für Erfinder.

„Intelligente Waschperle" wurde zum Spülmaschinen-Tab

Andreas Mayr hat das am eigenen Leib zu spüren bekommen. Der Elektrotechniker tüftelt seit seiner Jugend mit Begeisterung an den unterschiedlichsten Ideen. „Mit Mitte zwanzig habe ich nach einer Alternative zum unhandlichen Spülmaschinen-Pulver gesucht, das ja beim Einfüllen ständig daneben ging.“ Seine Lösung: Die „Intelligente Waschperle“. „Etwas blauäugig habe ich meine Ideenskizze an die Firma Henkel geschickt, die sich mit einem riesengroßen Paket mit Produktproben bedankte. Einige Zeit später konnte man dann die ersten Spülmaschinen-Tabs im Handel kaufen, die genauso aussahen und funktionierten wie meine Erfindung“, erzählt der heute 45-Jährige. Jahrelang versuchte Mayr nachzuweisen, dass die Idee von ihm stammte – vergeblich. Seitdem weiß er: Gute Ideen sollte man nicht leichtfertig verraten, sondern wenn möglich patentieren lassen. „Noch heute ärgere ich mich jedes Mal, wenn ich die Spülmaschine öffne.“ Sein großer Traum wäre es, irgendwann von einer seiner Erfindungen leben zu können. „Aber das wird wohl vorerst ein Traum bleiben. In Deutschland gibt es für Erfinder wie mich einfach viel zu wenig finanzielle Unterstützung.“ Sein aktuelles Projekt ist eine innovative Version der Büroklammer, das Patent wird gerade eingereicht. Details will er lieber nicht verraten – sicher ist sicher.

Mit Knickfix, einer Erfindung von Gerd Voigt, lassen sich die unterschiedlichsten Dinge unkompliziert an Oberflächen aller Art befestigen.

Erfinder-Projekte scheitern oft an der Finanzierung

„Etliche Erfinder-Projekte scheitern vorzeitig an der mangelnden Finanzierung“, sagt auch Professor Dr. Alexander Pustovar. Der 76-jährige Mikrobiologe und Vorsitzende des Erfinderclubs wünscht sich mehr Unterstützung für Einzelerfinder – zum Beispiel in Form von Sponsoring durch große Konzerne. „Toll wäre auch ein runder Tisch mit der IHK. Da könnten wir unserer Ideen vorstellen und wichtige Kontakte knüpfen.“ Interessierte Erfinder gäbe es genug und auch an Nachwuchs mangelt es dem Verein nicht. Die 16-jährige Schülerin Kornelia Haag zum Beispiel kommt regelmäßig zum Stammtisch, um sich Tipps und Ratschläge von den erfahrenen Erfindern zu holen. Ihre Vision: „Ich will mit meiner Idee die Welt ein bisschen besser machen.“ Es gehe um etwas Technisches, etwas mit Elektronik. Mehr will sie nicht verraten. Nur die Erfinderkollegen werden eingeweiht, denn im Verein gilt ein Ehrenkodex: Die Alten helfen den Jungen, aber die Ideen bleiben streng geheim. Schon bald will der Verein eine eigene Sparte für Kinder und Jugendliche gründen, es fehlen nur noch die nötigen Räumlichkeiten.

Eine von vielen Erfindungen, die den Alltag ein Stück leichter machen: Dieser Pizzaschneider besitzt einen speziellen Schutzmechanismus, der ein Zerkratzen des Blech-Bodens verhindert.

Erfindungen kennen keine Grenzen

Ob Flaschenaufsätze zum tropffreien Ausgießen, Bremshilfe für die Rodel oder Gurkenlift, mit dem man die letzten Gurkenstücke aus dem Glas bekommt – aus den Reihen des Erfinderclubs kommen etliche vermeintlich skurrile Erfindungen, die aber den Alltag ein Stück leichter machen. „Die Welt braucht Spinner wie uns, um etwas zu bewegen“, sagt Gerd Voigt und beißt in einen Chili-Keks. Den hat sein Erfinderkollege Karl-Heinz Gnan heute zum Probieren mitgebracht und hofft auf Verbesserungsvorschläge. Sein Rezept will er sich schützen lassen. Erfindungen kennen keine Grenzen!

Bild: complize - photocase.de
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