Glaube und Kirche

"Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält"

„Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ wünscht sich Faust am Beginn der gleichnamigen Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe. Er meint damit die Naturgesetze, die Isaac Newton neu fundiert hat. Unsere postmoderne Zeit ist da kritischer geworden. Ist es nicht die Technologie, die Tochter der modernen Naturwissenschaften, die uns und unseren Enkeln folgenschwere Entwicklungen aufbürdet? So hat die moderne Kommunikationstechnik die Globalisierung erst ermöglicht, die die Auseinanderentwicklung heutiger Lebensläufe verursacht. Andererseits lässt sie die Besinnung auf das Lokale, das Kleinräumige wieder zu Ehren kommen. Das Zusammenwachsen der Welt bringt uns in Kontakt mit anderen Kulturen und Religionen und zwingt uns dazu, uns auf unsere eigenen religiösen Werte zu besinnen, die seit fast zweitausend Jahren das Abendland, Europa, Deutschland, Bayern prägen und „im Innersten zusammenhalten".

Zusammenhalt als Grundprinzip der christlichen Bewegung

Das Christentum war von Anfang an eine Bewegung, die diesen Zusammenhalt der Gläubigen gefördert hat. Schon von der Jerusalemer Urgemeinde heißt es in der Apostelgeschichte (4,32): „Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele." Dieser Zusammenhalt findet seinen idealen Ausdruck im gemeinsamen Gebrauch des Eigentums. In der Realität der späteren Generationen in gelebter Solidarität. Darin wird der zweite Teil des christlichen Hauptgebots der Liebe sichtbar: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Der Nächste ist es, dem meine Zuwendung zuallererst zu gelten hat, im Hier und Jetzt, nicht in der Ferne, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Das sind die Menschen, mit denen ich zusammenlebe und zusammenarbeite.

Feste und Bräuche stiften Zusammenhalt

In größeren Räumen, die über die konkrete kirchliche oder politische Gemeinde, den gemeinsamen Arbeitsplatz hinausgehen, wird der Zusammenhalt durch gemeinsame Überzeugungen, die eine Gesellschaft prägen, erfahrbar. Religion ist charakterisiert dadurch, dass diese Überzeugungen nicht nur ausgesprochen und gelehrt, sondern gelebt und, was enorm wichtig ist, gefeiert werden. Die meisten unserer Bräuche und Feste haben einen religiösen Ursprung. Schon unsere Arbeitswoche wird durch die biblisch begründete Sabbatruhe bestimmt, die im Christentum auf den Sonntag übertragen wurde. Der gemeinsam begangene wöchentliche Feier- und Ruhetag hat durch die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass das Judentum in der Diaspora als Volk überleben konnte. In unserer Kultur dient der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe und der gemeinsamen „seelischen Erhebung", wie es das Grundgesetz in Übernahme der Bestimmungen der Weimarer Verfassung formuliert. Unsere Bräuche haben Gemeinschaft stiftende Kraft, das gemeinsame Feiern von Festtagen, auch wenn man räumlich voneinander entfernt ist, stiftet das Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit, die nicht auf räumliche Nähe angewiesen ist. Darüber hinaus ist es auch der geistige Gehalt, den wir an den Festen feiern, woran wir uns dabei erinnern. Der italienische Philosoph Gianni Vattimo, der sich im Alter dem Katholizismus wieder angenähert hat, nennt zwei Wesenszüge des Christentums, die sich im Lauf der Jahrhunderte in die westliche Gesellschaft diffundiert haben: die einmalige christliche Vorstellung von der Menschwerdung Gottes, seiner Erniedrigung oder besser Entäußerung, wie es im Paulusbrief an die Philipper heißt, und das schon erwähnte Gebot der Liebe, der gegenseitigen Zuwendung. Die Menschwerdung drückt sich in vielen Kunstwerken aus, das Jesuskind des weihnachtlichen Festkreises, die vielen Kreuze, die unserer Landschaft, den Bergen und Wegkreuzen ihren Stempel aufdrücken. Und sie mahnt uns, es Jesus gleichzutun, ihm „nachzufolgen", gerade in diesem freiwilligen Verzicht auf göttliche Macht und Vorrang. Gottesdienst heißt ja nicht so sehr, dass der Mensch Gott dient, sondern vielmehr umgekehrt, Gott dient uns, er hilft uns dabei, ein sinnvolles, gelingendes Leben zu führen. Diese Haltung des gegenseitigen Dienens ist es, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft fördert. Ich erinnere mich immer wieder an die BILD Schlagzeile nach dem Wahlsieg von Angela Merkel im Jahr 2005: „Ich will Deutschland dienen." Wenn es der Verantwortungselite in Staat und Gesellschaft gelingt, diese Haltung glaubhaft vorzuleben, ist ein gutes Stück christlicher Ethik realisiert. Die katholische Soziallehre nennt dies das Subsidiaritätsprinzip.

Liebesgebot und Goldene Regel

Im Evangelium gibt es zwei Verhaltensregeln, von denen Jesus sagt, darin seien das ganze Gesetz und die Propheten zusammengefasst. Das ist einmal das berühmte Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Es ist aber sehr erstaunlich, dass es auch eine Anleitung ohne Gottesbezug gibt; die sogenannte Goldene Regel: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" (Mt 7,12) Das ist die positive Fassung. Geläufiger ist uns die negative Formulierung: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!" Beides, das Liebesgebot und die Goldene Regel, wird von Jesus als die konzentrierte Ethik des Christentums mitgeteilt. Das ist das Wesentliche im Umgang von Menschen miteinander, mehr braucht es eigentlich nicht, um den Zusammenhalt zu leben. Psalm 133 bestätigt dies sehr poetisch: „Seht doch, wie gut ist es und wie schön, wenn Menschen in Eintracht zusammenhalten."

 

ANSELM BILGRI war Benediktiner und Cellerar der Abtei St. Bonifaz sowie Prior im Kloster Andechs und arbeitet seit seinem Ordensaustritt als Vortragender, Ratgeber und Buchautor.

 
Mottobild Kreuz: DigitalStorm - iStock-Photo; Foto Bilgri: Hoffotografen GmbH Berlin
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