Innovation made in Mittelfranken

Ein Stadtplan zum Fühlen

Wenn blinde Menschen etwas lesen wollen, haben sie zwei Möglichkeiten: Entweder lassen sie sich den Text vorlesen – von einem Sehenden oder vom Computer – oder sie nutzen die Braille-Schrift, die sie mit den Fingern ertasten können. Und was, wenn Blinde einen Stadtplan, eine Tabelle oder einen Wohnungsgrundriss lesen möchten? „Das ist quasi nicht möglich“, sagt Klaus-Peter Hars. Gemeinsam mit seinem Bruder Dr. Alexander Hars hat der Nürnberger deshalb das Tactonom erfunden, mit dessen Hilfe Blinde grafische Informationen ertasten können. Mit ihrem Start-up Inventivio GmbH wurden die Brüder 2016 im Wettbewerb von BayStartUP ausgezeichnet, einer vom Bayerischen Wirtschaftsministerium geförderten Institution, die innovative Start-ups in Bayern bei Gründung, Finanzierung und Wachstum unterstützt.

Interview mit Klaus-Peter Hars (Erfinder des Tactonoms)

HERZKAMMER
Mit dem Tactonom wollen Sie blinden Menschen ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen? Was genau ist Ihre Innovation?

KLAUS-PETER HARS
Blinde Menschen stoßen an ganz vielen Stellen im Alltag und auch im Berufsleben an ihre Grenzen, weil sie auf bestimmte Informationen einfach keinen Zugriff haben: Wie sollen sie sich zum Beispiel eine Excel-Tabelle mit Daten vorlesen lassen? Wie eine mathematische Kurve ertasten? Mit dem Tactonom geben wir blinden Menschen erstmals die Möglichkeit, auf jegliche digitale und grafische Information zuzugreifen. Das Tactonom ist ein sogenanntes taktiles Grafikdisplay, in das über 10.500 Tastkörper eingelassen sind und mit dem man nicht nur Texte, sondern auch flächige Informationen ertasten kann. Stadtpläne, Tabellen, Internetseiten, Symbole, Formen, Bilder, Handschriften, Flow Charts und ganz unterschiedliche Grafiken können Blinde mithilfe des Tactonoms ertasten und so an den digitalen Möglichkeiten teilhaben.

HERZKAMMER
Wir funktioniert das dann in der Praxis?

KLAUS-PETER HARS
Nehmen wir mal das Beispiel eines Stadtplans: Das Tactonom ist verbunden mit dem Computer, auf dem ein Stadtplan aufgerufen wird. Zunächst mal wird aus diesem Stadtplan, wie wir Sehenden ihn kennen, die Komplexität herausgerechnet. Das bedeutet, dass zum Beispiel alle bunten Farben und Striche, die nicht wichtig sind, entfernt werden. Dann wird der Stadtplan auf dem Tactonom so dargestellt, dass der Blinde ihn ertasten kann und so zum Beispiel weiß, wie eine Straße verläuft, wo eine Kreuzung oder ein Park ist. Das Tactonom soll im privaten Bereich eine Erleichterung sein, aber auch in Bereichen wie Reha, Bildung und Beruf. Wenn man als blinder Mensch zum Beispiel als Bürokraft arbeiten will, ist das bislang wahnsinnig schwierig, weil viele Informationen schwer oder gar nicht zugänglich sind. Die Arbeitslosenquote unter blinden Menschen liegt bei rund 70 Prozent. Das ist eine extreme Vergeudung von Potential. Das Problem ist, dass bisher die technischen Möglichkeiten fehlen, um Blinden den Zugang zu bestimmten Bereichen zu gewähren.

HERZKAMMER
Und das Tactonom ermöglicht blinden Menschen eben diesen Zugang?

KLAUS-PETER HARS
Ganz genau! Deswegen sind wir auch sehr stolz, das Tactonom entwickelt zu haben und möchten als nächsten Schritt gemeinsam mit der Agentur für Arbeit, Industrieunternehmen, Bildungszentren und betroffenen Blinden neue Arbeitsfelder erschließen, die heute für Blinde noch nicht zugänglich sind.

Tactonom kommt von Tactil und Autonom. "Wir möchten durch die Technologie blinden Menschen ein selbstständiges und autonomes Leben ermöglichen", sagt Klaus-Peter Hars (rechts). Gemeinsam mit seinem Bruder Dr. Alexander Hars (links) hat er das Tactonom erfunden und vor vier Jahren die Inventivio GmbH gegründet.

HERZKAMMER
Was war Ihr Innovationsmotor?

KLAUS-PETER HARS
Meine inzwischen verstorbene Großmutter war blind und nicht nur deshalb waren mein Bruder und ich Blinden gegenüber immer schon sehr offen. Durch Zufall haben wir irgendwann festgestellt, dass es tatsächlich keine Möglichkeit für Blinde gibt, auf grafische Informationen zurückzugreifen – das wollten wir ändern. Wir haben die ersten Ideen generiert und erste Prototypen gebaut, vier Jahre ist das inzwischen her. Hätten wir damals gewusst, dass es so lange dauert, bis wir tatsächlich ein funktionierendes Gerät bauen können, hätten wir’s wahrscheinlich nicht getan. Aber unsere Motivation war natürlich auch, blinden Menschen durch unsere Erfindung Möglichkeiten zu geben, die sie heute noch nicht haben. Wir sind auch immer wieder vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund und von vielen Betroffenen ermuntert worden, unbedingt weiterzumachen – weil das einfach ein sehr, sehr wichtiges Thema für blinde Menschen ist.

HERZKAMMER
Ende 2016 haben Sie den Prototypen des Tactonoms vorgestellt und sehr viel positives Feedback bekommen. Wie geht es jetzt weiter?

KLAUS-PETER HARS
Bis zur größten internationalen Blindenmesse, der SightCity im Mai in Frankfurt, möchten wir das Tactonom tatsächlich produzieren und verkaufen können und sind auch sehr optimistisch, dass das klappt.

Mehr Informationen auf www.tactonom.com

Bild: Inventivio GmbH
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