Standpunkt

Ist unser Geld noch sicher?

Geldpolitik war immer ein etwas akademisches Thema. Mittlerweile jedoch hat diese Debatte die volkswirtschaftliche Ebene verlassen. Sie ist über den Rand der politischen Arena getreten und bei den Menschen angekommen. Jedes Jahr erstellt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband eine Umfrage anlässlich des Weltspartags, der Ende Oktober stattfindet. Das sogenannte „Vermögensbarometer“ hat schon in den letzten beiden Jahren heftige Ausschläge gezeigt: 40 Prozent der Deutschen gaben 2014 an, dass das aktuelle Niedrigzinsumfeld ihre größte finanzielle Sorge sei, im letzten Jahr blieb der Wert unverändert hoch. Auch die Sparkassen und nicht zuletzt ich selbst haben wiederholt Kritik an der EZB-Politik geübt.

Niedrige Zinsen – Große Auswirkungen

Wir hatten vor allem den Eindruck, dass sich die Notenbanken mit den Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu wenig beschäftigten. Mittlerweile werden die gefährlichen Nebenwirkungen negativer Zinsen in ganz Europa offen diskutiert: Da sind zum einen die rein finanziellen Auswirkungen auf jeden Einzelnen. Denn ohne Zinsen und vor allem ohne Zinseszinseffekt fehlt den Menschen millionenfach in ganz Europa sicher geglaubtes Geld in der privaten Vorsorge. Das Zinsumfeld trifft aber auch staatliche Sozialversicherer, die ihr Geld sicher am Kapitalmarkt anlegen sollen. Aber „sicher anlegen“ bedeutet bei wirklich großen Volumina immer öfter, Nullzinsen oder gar Negativzinsen zu akzeptieren. Damit laufen Rentenkasse und Gesundheitsfonds sogar Gefahr, dass sich die gesammelten Beiträge der Versicherten Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat vermindern statt vermehren. Und nicht zuletzt ist die betriebliche Altersvorsorge betroffen. Unternehmen aller Größenordnungen können ihre Pensionszusagen nicht mehr ausfi nanzieren. Für kleine Betriebe kann das mitunter existenzgefährdend sein.

Die jungen Menschen sparen nicht mehr

Die finanziellen Folgen der Geldpolitik für jeden Einzelnen summieren sich insgesamt aber auch zu gesellschaftlichen Folgen. Als Reaktion auf fehlende Zinserträge stellen gerade junge Menschen das Sparen ganz ein: Die Hälfte der unter 30 jährigen hat kein Geld mehr für später. Oft fehlt es sogar am nötigen Puffer für die „kleinen Katastrophen“ des Alltags. Den Menschen fehlt heute der Anreiz zum Sparen. Sie sehen nicht mehr, wofür sich Eigenvorsorge lohnt. Wir sind durch die Politik der Notenbanken im Euro-Raum versetzt in eine Gesellschaft, die auf Pump lebt. Das ist alles andere als nachhaltig und kann von niemandem gewollt sein. Dabei ist gerade in Zeiten ohne Zins mehr Sparen besonders wichtig. Geschieht das nicht, sind große zusätzliche Aufgaben für unsere Sozialsysteme absehbar. Denn durch den demografischen Wandel gibt es auch noch immer weniger Beitragszahler. Hier baut sich eine neue soziale Frage auf, die einigen gesellschaftspolitischen Sprengstoff birgt.

Stabilität schwindet

Vor diesem Hintergrund kommen die Erkläransätze der EZB zum Teil seltsam statistisch daher: Man kann zum Beispiel die Zinsverluste der Sparer nicht aufrechnen gegen die Zinsvorteile der Häuslebauer. In beiden Gruppen erleben wir Strukturverschiebungen. Und beide Extreme bergen Risiken. Eine Niedrigzinspolitik von weltweitem Umfang, von einer so langen Dauer und auch mit so ungewöhnlichen Maßnahmen wie sie die EZB nutzt, hat es bisher noch nie gegeben. Wir müssen uns ganz nüchtern klarmachen, dass damit auf breiter Front die Strukturen angegriffen werden, die für Stabilität stehen.

Wie reagieren Kreditinstitute?

Auch die Sparkassen müssen mit diesem Zinsumfeld umgehen. Wir haben das aber über die letzten Jahre recht solide gemeistert. Wir sorgen vor und bauen Puffer gegen die Niedrigzinsphase auf, damit unsere Institute aus sich selbst heraus stabil bleiben. Vor allem aber sind wir unserem Geschäftsmodell treu geblieben. Im vergangenen Jahr zum Beispiel haben die deutschen Sparkassen 80 Milliarden Euro neue Kredite an mittelständische Unternehmen, Handwerker und Selbstständige ausgereicht. Damit setzen wir Impulse für die Investitionstätigkeit in unserem Land. Und wir können das in Summe aus den privaten Einlagen unserer Sparer refinanzieren. Notenbankvertreter haben zuletzt erwartet, dass sich Sparkassen in ihren Geschäftsmodellen den neuen Bedingungen einfach anpassen. Das ist sehr eigenartig. Denn das sind Bedingungen, wo eigentlich schon kaum mehr lebensfähige Banken durch billiges Geld künstlich am Leben gehalten werden.

Vertrauen aufbauen

Jedes Problem ist aber auch eine Aufforderung zum Handeln. Denn die Negativzinspolitik gräbt am Fundament einer eigenverantwortlichen, unternehmerisch orientierten Gesellschaft, die sich um ihre Kapitalerträge selbst kümmert. Sie schädigt die, die vorsorgen wollen und können. Und sie lässt denen, die wenig haben, kaum Spielraum zum sicheren Vermögensaufbau. Deshalb muss in Deutschland in der Negativzinsphase der Vermögensaufbau für die Menschen einfacher werden. Dazu gehört, dass die Wertpapierberatung von bürokratischen Lasten befreit wird. Auch durch die zwingend notwendige Modernisierung des bestehenden Vermögensbildungsgesetzes, was zuletzt vor 18 Jahren geschehen ist, könnten wir viel erreichen. Das Geschäftsmodell der Sparkassen besteht grundsätzlichdarin, Einlagen aus der Region anzunehmen und diese Einlagen in werthaltiges Kreditgeschäft in der eigenen Region zu investieren. Man mag das langweilig finden, es ist aber die Grundlage für den wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland. Mein Fazit: Die Grundidee Europas war es, persönliche Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen. Dazu gehört aber zwingend mehr Eigenverantwortung. Die Europäische Union sollte die Verkörperung eines gemeinsamen Versprechens auf Frieden, Freiheit und Wohlstand sein. Aus der Perspektive vieler Menschen wird derzeit das Freiheits- und Wohlstandsversprechen nicht mehr ausreichend eingelöst.

 


Georg Fahrenschon geboren am 8. Februar 1968 in München, ist seit Mai 2012 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Berlin. Fahrenschon war von 2002 bis 2007 Mitglied des Deutschen Bundestages, von 2007 bis 2008 Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium der Finanzen in München und von 2008 bis 2011 Bayerischer Staatsminister der Finanzen.

 

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Foto Fahrenschon: Neumann und Rodtmann