Vor Ort

Besiedlung 2.0: Jetzt kommt das eDorf in den eWALD

Peter Spranger

Vor rund 1000 Jahren zog der Mönch Gunther als Einsiedler in den damals dichten und undurchdringlichen Wald im Grenzraum zwischen Bayern und Böhmen. Er fing an, diesen Wald zu roden, erste Siedlungen und Dörfer entstanden. Heutzutage sind wir eine Stufe weiter: Aus dem dichten undurchdringlichen Wald ist gleichsam der E-WALD geworden, und die „Besiedlung 2.0“ (wie man den Vorgang in Anlehnung an Web 2.0, Politik 2.0 oder Wirtschaft 2.0 nennen könnte) bedeutet, dass sich die Orte zum eDorf weiterentwickeln. Natürlich sind es aber längst keine Einsiedler und Mönche mehr, die an dieser „Besiedlung 2.0“ arbeiten, sondern ein Team von Wissenschaftlern am Technologiecampus in Grafenau.

Aufbruchsstimmung im Technologiecampus

Aufbruchsstimmung ist spürbar in den hellen, lichtdurchfluteten neuen Büros und Besprechungsräumen des Grafenauer Campusgebäudes. Prof. Dr. Diane Ahrens, die Leiterin des Campus, und ihre Mitarbeiter Rainer Bomeisl und Magdalena Schindler denken hier darüber nach und erforschen, was in Frauenau und Spiegelau geschehen kann und muss, damit aus ihnen eDörfer oder „Digitale Dörfer“ werden. Dass sie dies tun können, geht auf eine Initiative aus der Digitalisierungsstrategie der bayerischen Staatsregierung zurück, die eine bereits 2010 im Landwirtschafts-ministerium von Staatsminister Helmut Brunner entstandene Idee aufgegriffen und konkretisiert hat. Ihr Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, wie mit Hilfe der neuartigen Informations- und Kommunikationstechnologien die Attraktivität ländlicher Räume nachhaltig gesteigert und das Verfassungsziel der gleichwertigen Lebensverhältnisse im Freistaat gefördert werden kann.

Schätzungsweise 800 Kommunen in Bayern mit rund zwei Millionen Einwohnern gibt es, in denen ein besonderer Handlungsbedarf hinsichtlich der Sicherung gleichwertiger Lebensbedingungen herrscht. In diesen Orten ist der demographische Wandel mit all seinen Auswirkungen (Überalterung, Abwanderung) dabei, nach und nach die technische und soziale Infrastruktur sowie das Angebot an privaten und öffentlichen Dienstleistungen zu erodieren. So schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze, Qualifizierungs- und Ausbildungsangebote, schwinden kulturelle, Sport- und Freizeitangebote und dünnen nicht zuletzt auch Einkaufsmöglichkeiten, der ÖPNV und die medizinische Versorgung aus.

Digitalisierung gegen Erosion der ländlichen Räume

Die Digitalisierung bietet jedoch neue Chancen, der Erosion der ländlichen Räume entgegen zu wirken. „Dazu muss man gar nichts Neues erfinden“, meint Prof. Ahrens, „es genügt, bereits vorhandene technische Möglichkeiten, zum Beispiel Apps, auf die hier vorhandenen Bedürfnisse und Anforderungen anzuwenden, sie zu vernetzen, Synergien zu nutzen und für eine bessere Koordination zu sorgen. Die eigentliche Innovation liegt im ganzheitlichen Konzept.“ Darin liegt der Ansatzpunkt, um den ländlichen Raum fit zu machen für die Herausforderungen, die auf ihn zukommen.

So entstand im Rahmen der Zukunftsstrategie Bayern Digital der Bayerischen Staatsregierung ein zweistufiger Wettbewerb, an dem sich Gemeinden oder Gemeindeverbände aus den beschriebenen „Räumen mit besonderem Handlungsbedarf“ (RmbH) beteiligen konnten. Sie mussten mindestens 2000 Einwohner zählen, durften aber kein Mittel- oder Oberzentrum sein, und sie mussten bereits über die erforderliche technische Infrastruktur (in Sachen Breitband und Mobilfunk etc.) verfügen. Aus diesem Wettbewerb gingen Ende 2016 zwei Sieger hervor. Für Nordbayern war dies die „Steinwald-Allianz“ – ein Zusammenschluss von 16 Kommunen im Landkreis Tirschenreuth (Oberpfalz), wo nun in Zusammenarbeit mit zwei Fraunhofer-Instituten eine Art „digitaler Bauernmarkt“ geschaffen werden soll. In Südbayern setzte sich der landkreisübergreifende Gemeindeverbund Frauenau-Spiegelau durch.

Ideen für das „Digitale Dorf“

Hier soll nun unter Federführung des Technologiecampus Grafenau der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) ein „Digitales Dorf“ entwickelt werden. Dieses soll mit seinen Themenbereichen und Projektideen idealerweise mehrere Handlungsfelder des menschlichen Daseins abdecken, wie Wohnen, Arbeiten, Lernen, Medizin und Pflege oder Mobilität und Dienstleistungen. Einige der bereits entwickelten Ideen, die erste Priorität bei der demnächst beginnenden Umsetzung haben, sollen zum Beispiel ein ganzheitlich am Menschen orientiertes Medizin- und Pflegenetzwerk, ein DorfShuttle mit digitaler Unterstützung des Rufbussystems oder das Konzept eines „Digitalen Rathauses“ sein. Auch an die Schaffung von Modell-Wohnwelten für „Ambient Assisted Living“ (AAL) ist gedacht. Dabei handelt es sich um altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben. Gemeint sind damit Produkte, Systeme oder Dienstleistungen, die das Leben älterer, kranker oder behinderter Personen im Alltag komfortabler und/oder sicherer machen können. Beispielsweise lassen sich bei AAL per Smartphone sämtliche Lampen, Heizungen, Fernseh- oder andere Elektrogeräte steuern. Gegebenenfalls können solche Systeme auch, wenn längere Zeit keine Benutzung mehr erfolgt, eigenständig Notfallmeldungen an Sicherheitseinrichtungen oder telemedizinische Zentren weitergeben. „Wir erleben hier eine rasant galoppierende technische Entwicklung“, sagt Prof. Ahrens. „Was heute unglaublich klingt, wird morgen Alltag sein, und übermorgen vielleicht schon wieder überholt.“ Darum sei ein Projekt wie das Digitale Dorf der Zukunft als „living lab“ mit Modellcharakter für ganz Deutschland so spannend. Es gehe dabei um die praktische Nutzung zukunftsträchtiger Technologien, die Weiterentwicklung und Vernetzung bestehender technischer Lösungen zu einem umfassenden Gesamtkonzept und die Umsetzung dieser Entwicklungen mit den Bürgern für die Bürger.

Bürger ins „living lab“ mitnehmen

„Wir müssen die Nutzer mitnehmen“, ergänzt auch Magdalena Schindler. „Die Bürger müssen mit der Technik zurechtkommen, sie müssen von ihrer Nützlichkeit überzeugt sein und sie müssen sie verwenden wollen.“ Damit soll jetzt im Februar 2017 zum Ende der Phase I des Projekts begonnen werden. Es soll diverse Informationen für die Bevölkerung in den beiden Orten Frauenau und Spiegelau geben, um den Menschen das Projekt zu erläutern, sie einzubinden und die Idee dahinter plausibel zu machen. Mögliche praktische Anwendungen werden also benutzerfreundlich, leicht erlernbar, intuitiv und barrierefrei nutzbar sein müssen, um auch weniger technikaffine Kreise anzusprechen. Die Anforderung reicht also von einerseits seniorengerecht, bis hin zu andererseits hilfreich für alle Generationen. Eine digitalisierte Bibliothek zum Beispiel könnte sowohl Schulbücher enthalten, die damit von den Schülern nicht mehr jeden Tag zum Unterricht getragen werden müssten, als auch der allgemeinen Leseförderung bei Erwachsenen und Älteren dienen, die nicht mehr in eine Bücherei gehen müssten, um sich mit Lesestoff zu versorgen.

Auf eine weitere wichtige Komponente des „Digitalen Dorfes“ weist Rainer Bomeisl hin. „Wir werden unsere Erkenntnisse in einer Art Atlas dokumentieren, so dass über diese Online-Datenbank und eine Internetseite eine Community entsteht, in der sich andere Interessenten über den Fortgang dieses vielschichtigen Projekts informieren und von den bereits realisierten Vorbildern profitieren können“, erläutert er. So können weitere Netzwerke entstehen und andere Gemeinden oder ILEs von den beiden ersten digitalen Modelldörfern profitieren, die so eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion für ganz Deutschland einnehmen können.

Politische Begleitung und Unterstützung

Mehr als zufrieden ist die Campus-Leiterin mit der politischen Begleitung des Pilotprojekts – sowohl seitens der Staatsregierung als auch hinsichtlich der beiden durchaus unterschiedlichen Kommunen vor Ort aus zwei Landkreisen. „Hier hat der Top-Down-Ansatz ohne Zweifel für einen Durchbruch gesorgt“, sagt Diane Ahrens. „Minister Helmut Brunner hat sich im Kabinett mit dem nötigen Nachdruck dafür eingesetzt, dass die verschiedenen beteiligten Ministerien unter der Federführung des Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie an einem Strang ziehen und dass ein ‚Kümmerer‘ vorhanden ist.“ Und das gelte auch für die beiden Kommunen, in der die beiden Bürgermeister Karlheinz Roth (Spiegelau, CSU) und Herbert Schreiner (Frauenau, SPD) ebenso wie die beiden Landkreise unkompliziert und lösungsorientiert zusammenarbeiten, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

„Jetzt können wir anfangen und mit der Umsetzung beginnen“, gibt Diane Ahrens die Richtung vor. Im März wird die Phase II der Realisierung des Projekts „Digitales Dorf“ anlaufen. Dabei soll in den beteiligten Gemeinden der Aufbau, Test und die Implementierung des Digitalisierungskonzepts erfolgen. Dann werden auch die Stellen für einen wissenschaftlichen Projektleiter und mehrere Programmierer öffentlich ausgeschrieben. Bis Mitte 2018 sollen erste konkrete Umsetzungsmaßnahmen implementiert sein, dann werden erste Ergebnisse erwartet. Insgesamt ist das Projekt vorerst bis 2020 angelegt. Aber nachdem die Digitalisierung unseres Lebens wohl einen unumkehrbaren Prozess darstellt, der immer weiter und schneller voranschreitet, dürfte die Besiedlung 2.0 ähnlich dauerhaft sein wie jene, die mit dem Mönch Gunther vor 1000 Jahren im bayerischen Wald begonnen hat.