Kommentar

Quo Vadis Bayerischer Wald?

Max Gibis

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert war die erste große Veränderung der Arbeitswelt. Der Übergang von der Einzelanfertigung zur industriellen und maschinellen Massenfertigung bedeutete eine Revolution der Arbeitswelt, brachte massenhaft neue Arbeitsplätze und löste auch einen ersten Boom des Wohlstandes der westlichen Welt aus. Mit der Industrialisierung begann allerdings auch der Siegeszug der großen Städte und der großen Metropolregionen. Große, industrielle Fabriken benötigten jede Menge Arbeiter, gute Verkehrsanbindungen und kurze Wege zu den Absatzmärkten. Dies konnten nur die großen Städte bieten, der ländliche Raum blieb hingegen noch lange Zeit agrarisch geprägt.

Globalisierung als nächster Schritt

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte der nächste Schritt ein, der die Arbeitswelt wesentlich veränderte. Die Globalisierung läutete ein neues Zeitalter ein. Gestiegene Absatzmärkte und weltweiter Handel führten zu einem wirtschaftlichen Boom auf der ganzen Welt, der mehr und besser bezahlte Arbeitsplätze und ein völlig neues Niveau an Wohlstand mit sich brachte. Neue Branchen entstanden, neue Produkte wurden kreiert und neben der Produktion von Gütern begann auch der Siegeszug der Dienstleistungen sowie der Devisenmärkte. Auch der ländliche Raum bekam nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals von diesen positiven Veränderungen zu spüren, doch profitierten weit übermäßig wieder die großen Städte mit ihrem riesigen Arbeitsplatzangebot, mit ihrem Bedarf nach Werkstätigen, mit ihrer gut ausgebauten Infrastruktur und ihren schier unendlichen Absatzmärkten. Eine Folge der Globalisierung war nicht zuletzt ein Boom in der Einwohnerentwicklung der Metropolregionen dieser Welt. Wieder einmal waren die ländlichen Räume die Verlierer. Zwar veränderte sich auch im ländlichen Raum das Arbeitsplatzangebot und auch der Wohlstand stieg an, doch bedeutete die Globalisierung vor allem ein Ausbluten der metropolfernen Räume fernab von den großen Hauptverkehrsachsen des weltweiten Handels.

Digitalisierung als Chance

Nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht die nächste Revolution der Arbeitswelt an. Unbestritten wird das 21. Jahrhundert das Zeitalter der Digitalisierung einläuten. Und die Arbeitswelt ist gerade dabei, sich auf die neuen Herausforderungen mit ihren digitalen Prozessen einzustellen. Noch ist nicht ganz klar, wie sich das Zeitalter der Digitalisierung vom Zeitalter der Globalisierung unterscheiden wird. Doch eines steht jetzt bereits fest. Die Veränderungen in der Arbeitswelt, die mit der Digitalisierung einhergehen werden, werden erstmals eine Chance für die ländlichen Räume bieten. Mehr als jede andere Revolution bietet die Digitalisierung den ländlichen Räumen die Chance, ebenfalls zu profitieren, weil die Arbeitswelt standortunabhängiger wird. Es gilt nun, diese Chance zu nutzen und unseren ländlichen Räumen Leben einzuhauchen und einen Imagewandel zu verpassen.

Trendwende schon geschafft

Dass es mehr ist als bloße Schönfärberei, zeigen die Wanderungszahlen seit 2014. Nach Jahren des Tiefstandes zu Beginn des neuen Jahrtausends als es negative Geburtenrekorde, hohe Wegzugszahlen, hohe Verschuldungen bei den Kommunen und vor allem schlechte wirtschaftliche Kennzahlen in den ländlichen Räumen gab, haben sich die ländlichen Räume - auch der Bayerische Wald - deutlich zum Positiven hin gewandelt. Mit gezielten Strukturmaßnahmen, mit Investitionen in die Infrastruktur mit Unterstützung für die Kommunen, mit Wirtschaftsförderungen aber auch mit Eigenleistungen wie Imagewerbung und auch Dank der einsetzenden Digitalisierung der Wirtschaftswelt haben die ländlichen Räume die Trendwende geschafft. Das Ausbluten wurde nicht nur verlangsamt, seit zwei Jahren ziehen wieder mehr Menschen in die ländlichen Räume als in die Metropolregionen.

Digitalisierung schafft Möglichkeiten

Nun gilt es, diese positive Entwicklung nicht nur sich selbst zu überlassen und das Beste zu hoffen, sondern aktiv die Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, zu nutzen und den ländlichen Raum, Räume wie etwa dem Bayerischen Wald, zu den Gewinnern dieses Zeitalters zu machen. Mit den Ablegern der Technischen Hochschule Deggendorf, den Technologie-Campi, mit einer flächendeckenden Breitbandversorgung, mit geförderten Digitalisierungsprojekten wie "edorf" und mit einer Unterstützung für die Digitalisierung der ansässigen kleineren und mittleren Betriebe besteht die Möglichkeit, aus dem Bayerischen Wald eine Innovationsregion zu machen. In einer modernen, vernetzten Welt der Daten- und Informationstechnologien ist der Standort der Mitarbeiter zweitrangig. Der Bayerische Wald - und der ländliche Raum generell - bietet den Unternehmen, dass seine Mitarbeiter in einer naturnahen Umgebung kreativ arbeiten und dabei ein hohes Maß an Lebensqualität genießen, wie kaum woanders.

Politik ist einmal mehr gefordert

Wieder einmal hängt es also schon auch an den politischen Rahmenbedingungen, die geschaffen werden müssen, ob der ländliche Raum zu den Gewinnern der Digitalisierung zählen wird oder nicht. Der Freistaat Bayern ist hier sehr gut aufgestellt. Die Maßgabe, die ländlichen Räume so zu fördern, dass gleichwertige Lebensbedingungen in ganz Bayern vorherrschen, wurde sogar in die Verfassung aufgenommen. Mit einem Breitbandförderprogramm, mit der Unterstützung der Hochschulen-Außenstellen mit einer Grundfinanzierung, mit dem Pilotprojekt "edorf", bei dem die Herausforderungen des Lebens im ländlichen Raum mit modernen Informationstechnologien erleichtert werden sollen und auch mit einem Förderprogramm für die Digitalisierung kleiner Betriebe wird hier von Seiten des Staates das Möglichste getan, um diese einmalige Chance zu nutzen. Denn eines ist ganz klar: Die Rahmenbedingungen sind die Grundvoraussetzungen für eine positive Entwicklung in den ländlichen Regionen - und diese gibt der Staat vor!

Auch Unternehmen sind nun gefragt

Nun sind aber auch die  Unternehmen am Zuge - und nicht nur die ortsansässigen Unternehmen. Der Freistaat Bayern hat es vorgemacht und Teile seiner Behörden als Strukturförderung in den ländlichen Raum, insbesondere auch in den Bayerischen Wald verlegt. Auch große Unternehmen könnten diesem Beispiel folgen, Verantwortung übernehmen und standortunabhängige Firmenteile, wie etwa IT-Abteilungen oder Forschung & Entwicklung in die ländlichen Räume verlagern. Daneben müssen sie ihre Prozesse auf die digitale Welt anpassen, ihren Mitarbeitern die Möglichkeiten der Digitalisierung anbieten. Home-Office in Telearbeitszentren, aber auch flexible neue Arbeitszeitmodelle, die auf die Bedürfnisse der Firmen und Mitarbeiter abgestimmt sind, wären hier Möglichkeiten. Diejenigen Unternehmen, die als erste bereit sind, diese Wege zu gehen, werden auch talentierte, engagierte Mitarbeiter bekommen. Denn eines ist auch klar, trotz der Digitalisierung der Arbeitswelt ist die Ressource Mensch heutzutage oftmals Mangelware bei Unternehmen. Zumindest bei den Unternehmen, die bewusst auf den Erfolgsfaktor "ländlicher Raum" setzen, könnte sich dies aber bald ändern. Denn: Die Ressource "fähige Arbeitnehmer" ist einer der größten Pluspunkt, die z.B. der Bayerische Wald zu bieten hat.

Boom des ländlichen Raumes

Einen Boom der ländlichen Räume wie zu Zeiten des Goldrausches in Nordamerika werden wir nicht erleben. Doch das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen unsere einmaligen ländlichen Räume mit seinen lebens- und liebenswerten Bürgerinnen und Bürgern nur so aufstellen, dass sie zukunftsfähig sind. Junge Menschen und auch Familien, die in Ihrer Heimatregion im ländlichen Raum bleiben wollen, sollten die Möglichkeit dazu haben. Aber auch Menschen, die zurück in Ihre ländliche Heimat wollen, sollten dies tun können. Dafür braucht es lediglich ein ausreichendes Arbeitsplatzangebot an hochwertigen Arbeitsplätzen oder die nötige Flexibilität in der Arbeitseinteilung. Die Revolution der Digitalisierung bietet dazu erstmalig die Chance. Diese Chance sollten wir nutzen und die Weichen richtig stellen.